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vom absurden
dem scheinbaren

das tragbare loch

Ich glaube, es war nach dem Elterngespräch im Kindergarten, als ich mir spätestens vornahm, über dieses Thema zu schreiben. Oder vielmehr mich diesem nicht recht definierten über das Schreiben zu nähern. Jedenfalls boten mir die beiden freundlichen Erzieherinnen nach der Begrüßung einen Platz an – auf der Kindersitzecke. Kurz gezögert, ob dies auch tatsächlich deren Ernst sei, saß ich auf dem kleinen Stuhl. Und dachte, wohl unvermeidlich, an Karl Valentins »Erbschaft«. Dieses Stück, bei dem er die Mitteilung von einer Erbschaft bekam, die aus einer Wohnungseinrichtung bestünde. Er warf kurzerhand alle seine alten Möbel aus dem Fenster und fuhr erwartungsvoll zum Abholen seiner neuen Ausstattung. Allerdings wusste er nicht, dass dieser ihm nicht bekannte Onkel ein Liliputaner war. So kam er zu einer wenig dienlichen Miniatur-Einrichtung. Auf der saß ich gewissermaßen hier, war in Gedanken noch beim Besuch der Ausstellung »Karl Valentin, Kunst und Komik nach 1948« am Tag zuvor. Die besuchte ich mit den beiden Mitarbeitern aus unserem Büro und Bettina Schulz, die Chefredakteurin der »novum«. Wir hatten uns mit dem damaligen Direktor, unserem Freund Wolfgang Till verabredet und nahmen an seiner und Michael Glasmeiers (sie beide hatten die Idee und Kuration) Führung teil. Eine sehr erhellende, denn für nur flüchtig Lesende konnte der Titel erst einmal auch für eine Enttäuschung, zumindest aber für Verwirrung sorgen. So aber lernten wir wunderbare Arbeiten kennen, mit all ihren Hintergründen und ihrem »komischen Sinn«, dem Sinn fürs Komische.

Zu sehen waren keine Werke des Münchner Komikers, Volkssängers und Philosophen, sondern solche von Künstlern, die sich auf ihn bezogen, mit ihm in Verbindung standen, ihn als essentiell für ihr Schaffen sahen. Dies war nach zwei Arbeiten von Timm Ulrichs als erstes die grüne, arg heruntergekommene Kommode einer unaussprechlichen (und schon gar nicht zu merkenden) finnischen Künstlerin. Und damit kommen wir langsam zu dem, weshalb ich dies hier schreibe. Es sind nämlich (zusätzlich dann noch bei der zweiten Führung mit Wolfgang Till) eine Reihe von Gedanken entstanden, nicht in direkter Beziehung, aber durchaus mit einer gewissen Analogie und einem ähnlichen Gefühl verbunden, wie sie in manchen Gesprächen auch in Zürich mit dem Freund und Philosophen Clemens Bellut entstanden. Gespräche, die mir bis heute sehr wichtig und wertvoll sind. Doch zuerst zur Komik und zur Kunst. 

Die ramponierte Kommode hatte jene Finnin auf der Straße, im Sperrmüll gefunden. Mit großem Aufwand hatte sie diese wieder bestens hergerichtet und restauriert – sie war wieder wie neu. Und hat dann versucht, mit wohl nicht weniger Mühe, diese in den Ursprungszustand, also dem des Auffindens, wieder zurückzuversetzen. Die Farbe, die Macken, die Abnutzungen, die Schäden – alles. Hatte sie dies erreicht, ging das Ganze wieder von vorne los. Dokumentiert mit Videoaufnahmen drängt sich einem den Vergleich mit Sisyphos natürlich geradezu auf. All die Vergeblichkeit, die nie vollendete Arbeit, das Scheitern kurz vor dem Ziel – oder mit dem Erreichen des Ziels – der Wandel, die Wiederholung. Auch wenn sie von keinen Göttern dazu gezwungen wurde und der kurze Reflex des »Warum« aufleuchtet, eine wunderbare Arbeit. Das Absurde, mit so viel Arbeit und nie zu Ende. Was zu einem weiteren ausgestellten Exponat führt, einem ähnlichen, zugleich aber auch andere Gedanken ausführend und anregend. Zu sehen ist nicht viel, eine große Glasvitrine, darin auf dem Boden, etwas erhöht, eine wellig mit blauem Samt ausgelegte Fläche, darauf der Stil von einem Eis. Dieses kleine unscheinbare und vor allem wertlose Holz; ein millionenfach identisches, einfachstes und banalstes Industrieprodukt. Man würde es eigentlich kaum beachten – und viel versäumen. Neben dieser Vitrine steht ein Fernseher, dort läuft ein Video mit der Dokumentation. Die Handlung in kürze: Ein Künstler findet in einer Einkaufsstraße diesen Eisstiel, möchte ihn in dem Schaufenster daneben ausstellen. Dazu aber versucht er den kompliziertest möglichen Weg, dieses wenige Zentimeter lange, vielleicht zwei Millimeter starke Holz dort hineinzubringen. Er lässt deshalb die Schaufensterfront abmontieren. Dann legt er, direkt, von vorne, den Holzstil hinein – und lässt die Fassade wieder mit Kran und großem Aufwand anbringen. Absurd, freilich. Aber wunderbar. Und das in unserer »Effizienzgesellschaft« unserer Hardcore-Ökonomie. Wo Dinge um die ganze Welt transportiert werden, weil sie woanders billiger gefertigt werden können. Wo Arbeitsabläufe von Spezialisten »optimiert« (ein weiterer, in unserer Zeit wichtiger und viel gebrauchter Terminus) werden, damit sie Sekunden einsparen – denn diese geben addiert und über die Zeit Ersparnisse von vielen Stunden, vielleicht Tagen. Effektiver muss alles werden, schneller, am besten praktisch von selbst. Zwar entstehen neben den Hochgeschwindigkeitsfabriken auch wieder Manufakturen, versuchen den Wert der Handarbeit, der sich nicht über metrische Werte definieren, vielmehr aber erfühlen lässt, zu erhalten, zu reanimieren, doch die sind quantitativ nur marginal. Auch Pflanzen, durchaus auch Tiere sind von dieser Logik nicht ausgenommen. Alles soll schneller wachsen, weniger Licht und Wasser oder Futter brauchen – Monsanto macht es vor und arbeitet zumindest für sich selbst und seine Teilhaber erfolgreich. Sehr erfolgreich. Irgendwann gibt es dann wieder einmal einen Skandal, durch eine Massenseuche oder Krankheit ausgelöst, man kommt dann darauf, dass es vielleicht nicht so ganz im Sinne der Natur ist, wenn Geflügel sich von Geflügelmehl ernährt oder wer weiß, was wem alles verfüttert wird, ist entrüstet, isst kurz etwas anderes und bald schon ist es wieder vergessen – womöglich hat eine andere Katastrophe das Medienecho bereits auf sich gezogen (oder der Euro ist wieder in Gefahr). 

Es geht hier erst einmal gar nicht um Moral, nur darum, dass diese »Effizienz« anscheinend, zumindest behauptet kaum jemand das Gegenteil, per se auch als das natürliche, naheliegende, im Grunde einzig vernünftige gesehen wird. Ein Naturgesetz also, egal wenn es sich auch gerade gegen diese wendet. Und dies, genau dies karikieren diese zwei zuvor beschriebenen Arbeiten nicht nur, sie stellen es auf den Kopf – und irgendwie auch die Frage: Stimmt das? Muss es so sein, ist nur das »vernünftig«? Dabei denke ich an eine Geschichte, die uns zuvor genannter Philosoph erzählte; er dachte als Kind, wenn sich im Wind die Blätter der Bäume bewegten, werde der Wind eben durch diese Bewegung der Blätter erst erzeugt. Auch wenn es nicht so ist: könnte nicht vielleicht manches (alles?) ganz anders sein?  

Interessant ist dabei deshalb ein Blick zurück, in die Situation des französischen Adels im 16. und 17. Jahrhundert. Dazu gibt es eine hochinteressante Studie von Norbert Elias mit dem Titel »Die höfische Gesellschaft«. Diese zeigt uns einmal mehr, dass auch Vernunft und Verstand, selbst scheinbare unumstößliche Logik, durchaus relativ und wandelbar sind. Bei uns gilt der ökonomische Grundsatz: man muss mehr verdienen, als man ausgibt. Das wird niemand in Frage stellen, scheint elementar, evident und gar nicht anders zu denken. Zu besagter Zeit aber galt ein anderer Grundsatz: der »Repräsentationsbedarf« bestimmt die Ausgaben; denn nur so ist es auch (fast immer! Aber auch heute gehen trotz »vernünftigem« Verhalten Unternehmen in Konkurs) möglich, wieder die Möglichkeit zu bekommen, seine Ausgaben zu decken, machte das alles eben erst Sinn. Im Zweifel, selbst im Angesicht der Insolvenz – denn die war kaum weniger erschreckend, als das »freiwillige« Sparen an der Repräsentation. Dass unsere Wirtschaftsweise so vernünftig nicht ist, hat nicht erst die weltweite Krise jüngst gezeigt. Spekulationsblasen, Finanzprodukte, die selbst Banker nicht mehr verstehen, sind auf diesen unseren ökonomischen Maximen entstanden. Die praktisch kostenlos möglichen (potentiellen oder faktischen) Umweltschäden der »Realwirtschaft« sind im Übrigen auch nicht viel besser oder gar »vernünftiger«. Den Ast abzusägen, auf dem man selbst sitzt, ist durchaus nicht neu – wird aber immer noch gerne praktiziert. Ganz im Sinne von Gerhard Polt, der in einem Stück »die Anni« sagen lässt: Letztes Jahre haben wir eine Weltreise gemacht, aber eins sag’ ich ihnen gleich: da fahr’n wir nimmer hin! Das ist womöglich vielleicht noch viel existenzieller und elementarer als ich jemals gedacht hatte. Nicht nur das (Tragik-)Komische allgemein, das wohl überall dort, bei solchen »Komikern« steckt; und der Witz schnell flach würde, wenn er keine Tiefe hätte. Womöglich verbirgt sich gerade da ein (wirkliches und durchaus konkretes …) Potenzial zur Lösung von Problemen. 

Das ist vielleicht noch viel existenzieller und elementarer als wir denken. Nicht nur das (Tragik-)Komische. Womöglich verbirgt sich gerade im Abwägigen ein (wirkliches und durchaus konkretes …) Potenzial zu neuen Ansätzen. Eben nicht durch eine Weiter-Entwicklung und Interpolation von Bestehendem, sondern durch »Sprünge«. Die Technik hat es bis heute nicht geschafft, mit einer besseren die Probleme und Folgen der »alten« zu beheben, zu überwinden. Alle bisher angewandten und genutzten Einsparpotenzial haben noch nicht einmal das jeweilige Wachstum kompensiert. 

Vielleicht bedarf es eben deshalb ganz anderer Ansätze – zur Not mit der Kraft des Absurden. Die »Innovation«, das Allheilmittel der Ökonomen, verbunden mit dem ewigen Wachstumsglauben der Politiker wird es kaum schaffen. Vertauen wir wirklich ihnen und ein paar Konzernvorständen unsere Zukunft an? Juristen, Volkswirte, Beamte, Betriebswirte und ein paar Ingenieure, die auf Basis von Excel-Tabellen mit Blick auf Legislaturperioden und Quartalszahlen Rahmenbedingungen definieren, Produkte entwickeln, Politik machen? Und irgend einer findet sich immer, der dafür auch noch Werbung macht. Keine Philosophen, Literaten, Künstler – noch nicht einmal Frauen sitzen in den Vorständen – man verzichtet offenbar gerne auf andere Weltsichten und Perspektiven. Ich kann es nicht lassen, Robert Musil zu zitieren: »Wenn die Dummheit nicht dem Fortschritt, dem Talent, der Hoffnung oder der Verbesserung zum Verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen«.

Insofern wäre vielleicht die wirkliche Reflexion und eine absolute Offenheit für tatsächlich Neues womöglich ein Weg zu besseren, zu echten Lösungen. Ein Plädoyer also an dieser Stelle für das Absurde, das Komische, das Aberwitzige, das Verrückte, und zwar dort, wo man es gemeinhin gerade bekämpft. Mein kleiner Sohn Luca fragte mich eines Morgens: Papa, ist heute morgen? Ich musste lachen und nachdenken, sagte von gestern aus gesehen, ja! Und vielleicht ist ja alles ganz anders! Zumindest könnte ja auch alles ganz anders sein, oder?

Weiterführende (wenn man das so nennen mag!) Links:

Numminen (der finnische Tangotänzer) singt Wittgenstein … mehr
Der (fast endlose) Lauf der Dinge … mehr
Hier ist ein Mensch (wie man es ihn kennt)… mehr

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für die DHBW
in ravensburg

vom möglichkeitssinn

wie so oft sind manche Dinge recht einfach und höchst kompliziert zugleich. Das trifft auf den Bereich, auf den Begriff »Design« vermutlich auch und in größerem Umfang zu. Die Vorstellungen davon variieren in hohem Maße, wie auch die Einschätzung, Notwendigkeit und Relevanz. Zumindest aber könnte man als Grundaufgabe, als Ausgangsposition und Anspruch gleichermaßen sagen: Design will einen ungenügenden Ist-Zustand ändern und einen neuen, besseren Soll-Zustand schaffen. Dabei spielt es erst einmal überhaupt keine Rolle, ob dies ein Signet ist, also Grafik-Design, oder ein Staubsauger im Produkt- und Industriedesign. 

Design hat als zentralen immanenten Aspekt, als Ziel und Sinn die Erarbeitung von etwas Neuem. Das damit einhergehend – selbstverständlich eigentlich, aber leider nicht zwingend – besser funktioniert, leichter erkannt, verstanden oder aufgenommen, besser bedient und benutzt werden kann. Dies hat eine enorm weitreichende Konsequenz und zentrale Perspektive: Design ist immer prospektiv. Auch wenn man von Vergangenem viel lernen kann, der Blick ist letztlich doch nicht nach hinten, sondern immer nach vorne gerichtet. Nun könnte man natürlich einwenden, das ist der des, sagen wir beispielhaft, Betriebswirtes genauso. Was eben nur zu einem bestimmten Teil richtig ist – und dies ergänzt dem Prospektiven noch eine nicht weniger wichtige Besonderheit: Design extrapoliert nicht. Das aber ist die Regel in Wirtschaft, Verwaltung und Politik. Am ehesten vielleicht noch trifft man das wirklich Neue auf dem technischen Bereich (welche Dimension der in Verbindung mit Design haben kann, dürfte uns in Zukunft vielleicht auch noch überraschen) an.

Praktisch jedes Unternehmen hat seine Excel-Tabellen. Dort zeichnen sich Umsätze ab, Erträge und Kosten, diese wieder aufgeteilt in jene für Material, Personal und so weiter. Auf Basis des per se angenommenen, gewünschten, (mindestens scheinbar) notwendigen und offensichtlich als möglich erachteten ewigen Wachstums kann man hier auch die Spalten für die Folgejahre mit verschiedenen Szenarien füllen – und munter Rechenspiele anstellen. Wenn man bei gleichem Umsatz vier Prozent mehr Gewinn machen möchte, wie müssten dann die Kosten sinken etc. Es ist also eine Planung, deren Wurzel, Referenz, Basis und Grundlage im Ver-
gangenen steckt. Man hat zwar ein prospektives Ziel, eben 6% mehr Umsatz oder 4% mehr Überschuss, was aber rein quantitative, wenig greifbare sind. Die Realität (in diesem Fall die zukünftige) muss sich dann dieser Planung unterwerfen. Die Zukunft wird damit natürlich auch »gestaltet«: mit einer leider nicht ganz zu unterschätzenden »Kreativität« wird also beispielsweise geschaut, wie verschie-dene Positionen auf der Kostenseite reduziert werden müssten. Aber es ist im Grunde eine reine Extrapolation vergangener Werte.

Bei Design hingegen geht es nicht primär um die Fortführung von Bestehendem. Zumindest nicht zwingend; sicherlich kann bei einem Corporate Design die bewusste (und verantwor-
tungsvolle) Entscheidung auf ein Re-Design fallen. Dennoch ist eines klar: Man weiß vorher nicht, was nachher heraus kommt. Auch der Gestalter selbst kennt das Ergebnis nicht, wenn er sich offen und frei auf seine Aufgabe einlässt. Das aber eröffnet gerade den Raum für Unerwartetes, Neues, Außergewöhnliches. Um nur ein Beispiel zu nennen, von denen, die mit Design vermutlich mit den größten Erfolg verbuch(t)en. Von Apple: Das iPhone war nicht die lineare Weiterentwicklung des iMac, auch nicht die Skalierung des iPods. Es war eine Zäsur, ein Sprung. Auch das iPad entsteht nicht in der Verkleinerung des Powerbooks oder der Vergrößerung des iPods. Und genau solch ein »Cut« in den gewohnten Fortführungen, ganz explizit nicht nur auf die Ökonomie beschränkt, sondern mit Blick auf die Politik, wäre in Anbetracht der großen Herausforderungen, vor denen wir alle auf und mit der Erde stehen vermutlich die adäquate Reaktion, müsste Ansatz und Wille sein. So etwas bedingt natürlich auf der einen Seite das Vertrauen des Auftraggebers und auf der anderen Seite die entsprechende Bereitschaft des Gestalters selbst. Und den Willen, Design nicht als letzte Stufe in einem Entwicklungsprozess zu sehen. Wenn Design und mit ihm seine Designer an Relevanz und Einfluss gewinnen wollen, wird man nicht umhin kommen, die eigene Rolle entsprechend auszuweiten, nach »vorne« zu verlagern. Vielleicht sogar bis in die strategischen Bereiche, wo die wirklich interessanten und relevanten Fragen gestellt werden: wohin sich ein Unterneh-men entwickeln kann, welche Produkte/Dienstleistungen not-wendig und sinnvoll sein werden, was diese können müssten und wie man sie kommuniziert. Das aber erfordert den Willen, sich vom reinen Blick auf die Gestaltung zu lösen, größere Zusammenhänge zu sehen und zu suchen. Selbstverständlich auch den Mut und die Kompetenzen dazu, denn mit einem wachsenden Einfluss geht automatisch auch eine größere Verantwortung einher. Die muss man tragen wollen.

Dieses »Prospektive« einzubringen, in die vorgelagerten Phasen unternehmerischer Planung, gleichermaßen aber vielleicht auch in die Politik, wo eben nicht Produkte entwickelt werden, sondern etwas, das man mit Prozessen vielleicht übergreifend bezeichnen könnte (Steuermodelle, gesellschaftliche und ökonomische Rahmenbedingungen etc.), könnte eine Aufgabe für Designerinnen und Designer sein. Die Komplexität der Themen ist so groß und ihre Bewältigung so dringlich, dass man die gemeinsame Zukunft nicht nur einigen Politikern, Beamten, Volkswirten, Ökonomen und Juristen anvertrauen sollte. Ermutigen darf dabei ein Satz Albert Einsteins, dass (sinngemäß) Probleme nie auf dem Weg gelöst werden können, über den sie entstanden sind. Und was können Gestalter besser, als neue Wege suchen?

Auch die Beantwortung der Frage nach einem Leben, einem Wirtschaften ohne Jahr für Jahr steigende Wirtschaftsleistung fehlt jede Vision, jede Utopie oder gar ihre versuchsweise Visualisierung. Der Möglichkeitssinn, dieses fast wesensprägende des Designs, hat eben mehr im Blick als das (scheinbar) Machbare, das Sichtbare. Nicht nur andere Dinge zu denken, sondern Dinge anders zu denken. Und sichtbar zu machen – Menschen brauchen Bilder zum Denken, zum Träumen, als Antrieb. Die Erweiterung des Denkbaren hin zum Visualisierbaren und Machbaren. Nicht nur, weil »blinde Flecken« die Tücke der Unsichtbarkeit haben. Sondern auch, weil wir alle visuelle Wesen sind. Vielleicht braucht eine Utopie am essentiellsten gerade Bilder.

Dies alles können Fragestellungen für eine Designforschung sein, vermutlich wäre sie eine hochinteressante Option mit einem großen Potenzial. Egal ob für eher grundlegende, übergreifende Fragestellungen oder durchaus konkrete, womöglich mit sehr direktem Anwendungsbezug. Mit einem in der Regel interdisziplinären Herangehen, das ja gerade mehr und mehr in vielen Wissenschaften wiederentdeckt und forciert wird – nur eben selten mit Designern. Die Designforschung könnte den womöglich zentralen Begriff des Möglichkeitssinns im Blick haben. Der hat mit Wahrnehmung zu tun, mit Sensibilität, gleichermaßen mit Intuition, Vorstellungsvermögen und der Möglichkeit, dieses zu skizzieren, zu visualisieren. Das muss durchaus nicht in der Rolle des Hofnarrs sein. Eine Designforschung hat zwar sicherlich noch mancherlei Vorurteil zu überwinden, doch wäre es mehr als kurzsichtig, nicht auch ihre Chancen zu sehen. Denn im Grunde weiß jeder: Es wird sich noch manches ändern müssen, wenn die Erde als lebenswerter (und alternativloser) Platz langfristig erhalten werden soll. Paradigmenwechsel als möglich zu erachten und ihnen Formen geben, damit aus Möglichkeit Wirklichkeit werden kann. Vielleicht muss sich die noch junge, im Grunde erst konstituierende Designforschung analog dem Design ebenfalls noch weiter öffnen, sich anbieten. 

Fakt ist: DesignerInnen haben Einfluss. Unsere zur zweiten Natur gewordene alltägliche Umgebung ist eine von Men-schen für Menschen gemachte und gestaltete – wir leben in einer gemachten Welt. Und dies impliziert, sie könnte auch anders sein. Gestalter sollten sich dann konsequenterweise die Frage stellen, welche Rolle sie dabei spielen wollen. Und diese einfordern, sich erarbeiten – oder eben abstreifen, ablegen. Dies ist zwar grundlegend, wird letztlich aber von Fall zu Fall, von Projekt zu Projekt von jedem einzelnen neu beantwortet werden müssen. Für was will man sich einbringen? Für welche Unternehmen und Institutionen will man arbeiten? Welchen inhaltlichen Einfluss sucht man oder macht ihn gar zur Bedin-gung? Das ist leider nicht einfach, da die Welt so schwarz-weiß nicht ist und man sich in vielen Graunuancen bewegt. Und es beginnt natürlich zugleich auch anstrengender zu werden: Ist es beispielsweise so erstrebenswert, die Gestaltung eines eigentlich nicht notwendigen Produktes scheinbar zu verbessern (oder zu entwickeln), sein Äußeres so aufzuwerten, dass es trotzdem gekauft wird? Eine Firma besser darzustellen, als sie eigentlich ist?

Das führt indirekt gleich zu einer anderen und höchst interessanten Fragestellung: Was passiert mit Design (und Designern), wenn sich irgendwann vielleicht die Einsicht, mindestens aber das (vermutlich unvermeidliche) Konstatieren einstellt, dass die Wirtschaft nicht ewig weiter wachsen wird? Bisher profitieren Gestalter bis zu einem gewissen Grad beinahe proportional von einer guten gesamtwirtschaftlichen Entwicklung. Wenn auch Werbeagenturen vermutlich direkter und quantitativ stärker, kennt wohl jeder die Reaktion von Unternehmen bei konjunkturellen Einbrüchen: Man spart. Und zwar dort, wo es nicht so weh tut. Also schnell bei Design (und in der Politik bei der Kultur) – und lernt das eigene Standing kennen! Was also, wenn dies nicht nur kurze »Aussetzer« sind, sondern eine langfristige, dauerhafte und absehbare, zu akzeptierende Entwicklung? Es wäre ein eigenes Thema, diesem Szenario nachzugehen. Vermutlich wird es aber eines beschleunigen: Nämlich die Frage nach dem Sinn. Unterstützt man also gerade solche Firmen, die weniger und besser(es) produzieren, oder jene, die mit alten Geschäftmodellen ihr Überleben suchen. Fühlt man sich vielleicht erst recht genötigt und schneller gerechtfertigt, eine gewisse »Prostituierung« mitzumachen. Wendet man bei sich die gleichen Standards an? Oder stellt man sich solche Fragen vielleicht schon heute?

Gutes Design, verantwortungsvolle DesignerInnen und DesignforscherInnen fragen vermutlich nicht nur – und aus einer inneren Überzeugung – was sie für wen alles besser (und schöner) machen können, sondern stellen sich auch hin und wieder die eine große Frage: »Was eigentlich ist ein gutes Leben?«. Das wird die Frage danach, was gutes Design ist und sein kann, was es werden muss, vermutlich mitbeantworten.

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wald vor wild
vor willkür

Kein Enzian

Unwirklich sahen sie aus, die erst mit dem zweiten Blick als etwas anderes als Blumen erkennbaren »Objekte« – es sind Klammern aus Kunststoff, die das junge Grün vor Verbiss schützen soll. Das Wild wird es eher ärgern, was uns verwundert. Eine Enzianblüte im Nadelwald, außerirdisch, merkwürdig. Wer die dauerhaften, witterungs- und jahreszeiten-unabhängigen Blüten auch sehen mag: am Kögelweiher Richtung Gehzeiten-Weg …

kinder sind mehr
als käufer!

SWEETS FOR MY SWEET – die süße Illusion

Beginnen wir mit ein paar Floskeln. Die Politik sagt gerne, auch wenn sie meist etwas anderes tut: Unsere Kinder sind die Zukunft. Was das Thema Gesundheit angeht, behaupten viele: Man ist, was man isst. Da ist zumindest sicherlich einiges dran. Merkwürdig dann allerdings, was man gerade unseren Kindern in den Supermärkten so alles anbietet.

In der Süddeutschen Zeitung (Online) gab es kürzlich ein Spezial »Die Zucker-Könige« mit den »Top Ten der süßesten Milchprodukte«. Foodwatch rief dazu auf, rund 100 Vorschläge mit Nennungen kamen. Platz 10 nahm darin der »Monte Drink« von ZOTT ein, mit 12,7% Zucker. Ich war entsetzt, sah beim ersten oberflächlichen Hinsehen allerdings gar nicht, dass dies der letzte Platz dort war, nicht der Erste! Rang 1 mit einem Zuckeranteil von 39,7% (!) hatte der »Kinder Choco Fresh« von Ferrero. Wahnsinn, unglaublich – unverantwortlich. Und sogar viermal mehr gesüßt als Coca Cola. Auch die weithin bekannte »Kindermilchschnitte« kommt auf fast 30% Zuckergehalt. Auf den Seiten des Herstellers nonchalent beschrieben mit »schmeckt leicht und belastet nicht«.

Billige Zutaten schaffen Werbebudgets

Zucker freilich ist eine billige und effektvolle Zutat. Und eine wirkungsvolle – jedoch in mehrerlei Hinsicht. Die Herstellungskosten dieser wahrlich eher als Süßigkeiten denn als Lebensmittel zu beschreibender Produkte dürften minimal sein. Diese Margen wiederum schaffen die Grundlage zu gewaltigen Werbebudgets. Damit ist eine Marktdurchdringung und Präsenz möglich, der man sich bzw. seine Kinder kaum entziehen kann. Ich, wir, sind zugegebenermaßen eher ökologisch orientiert, haben seit vielen Jahren keinen Fernseher mehr. Unsere Zwerge (2 und 5) schauen wenn dann DVDs. Sind wir allerdings im Hotel, landen wir auf der Suche nach einem Kinderprogramm durchaus auch auf Sendern wie Super RTL. Unglaublich, in welchem Stakkato dort die Spielsachen und Süßigkeiten über die Kleinen hereinbrechen – und wie schnell und lange sie sich das dann alles merken. Am nächsten Kühlregal bekommt man die Quittung. Denn natürlich ist das meiste genau für die Empfindungen, Vorstellungen und Wünsche der Kinder gestaltet (bzw. so, dass Eltern denken, sie machen das Richtige). Was bei der Namensgebung (»Monster-Backe«) schon beginnt. Da sieht ein Früchteriegel aus dem Bioladen zwangsläufig alt aus.

Psychologie und Werbemacht gegen Zwerge

Die Frage dazu ist letztlich eine moralische: Darf man diese Mittel auch bei Kindern so gnadenlos gezielt einsetzen? Kinder sind unbeschriebene Blätter, offene Türen – muss man sie dermaßen einrennen? Der Rendite wegen. Klar, verbieten kann man es kaum (andererseits wurde auch für Zigaretten ein Verbot durchgesetzt); stellt sich also mindestens die Frage, ob man es auch »soll«? Gestalter führen hier wohl »nur« aus, was sich Marketingstrategen und Psychologen/Pädagogen ausdenken. Grundsätzlich mag es sicher richtig sein, wenn der Staat sich aus der Ökonomie heraushält, in manchen Bereichen ist der »offene Wettbewerb« mit Shareholder-Value allerdings kein wirklicher Segen. Und je größer die produzierten Stückzahlen, desto niedriger die Kosten – vergrößern sich die Gewinne und damit die Mittel zur weiteren Verkaufsförderung. Dies geht aber nur bei industriellen, homogenen und praktisch endlos verfügbaren Rohstoffen. Um nochmals den »echten« Früchteriegel zu bemühen: hier ist es konträr – Mangos und Ananas werden nicht mit dem erhöhten Bedarf immer billiger; ganz im Gegenteil, man bekommt sie vielleicht gar nicht mehr in dieser Menge und Qualität.

Und die Verluste werden sozialisiert

Ein nicht zu unterschätzender volkswirtschaftlicher Aspekt kommt noch hinzu. Es ist vielleicht auch nur eine Floskel, allerdings eine mit viel bitterer Wahrheit. Das hat nicht zuletzt wieder die Finanz- und Weltwirtschaftskrise gezeigt: »Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert«. Das ist auch hier der Fall. Denn die Folgekosten dieser Lebensmittel sind nicht zu unterschätzen. Von den Zähnen bis zum Übergewicht, das gerade bei Kindern seit Jahren immer stärker zunimmt. Vom übermäßigen Verzehr von Früchteriegeln kommt das sicher nicht. Deshalb ist eben gerade die mehrfache Ungleichheit in den Möglichkeiten so traurig – es ist beispielsweise Ferrero ja nicht zu verbieten, solche Produkte herzustellen und zu verkaufen. Nur sollte hier zumindest der Zwang zur Offenlegung der Inhalte (klar und gut sichtbar) durchgesetzt werden. Eben »enthält ca. 40% Zucker« müsste vorne drauf stehen.

Schade übrigens auch, die andere Seite betrachtend, dass viele Naturprodukte-Hersteller die Möglichkeiten von guter Gestaltung nicht nutzen. Es ist eher die Ausnahme, dass die Verpackung hier Lust macht – »trotz« und wegen der besseren Inhalte. Auch wenn solche Anbieter niemals die werblichen Potenziale haben werden, könnte vielleicht etwas mehr Kaufanreiz und »visuelle Konkurrenzfähigkeit« geschaffen werden. Gute Gestalter könnten hier sicherlich etwas bewirken!

(Januar 2010)

 

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