
Wir kannten uns eigentlich gar nicht so sehr, doch verstanden haben wir uns über den generationengroßen Abstand hinweg auf eine besondere Weise: Herbert W. Türk, der am 2. November 2018 gestorben ist.
Auf die Welt kam Herbert Türk vor knapp 93 Jahren am 15. Dezember 1925 im schlesischen Bielitz, das heute Bielsko heißt und zu Polen gehört. Dort kam er 1932 in die deutsche Schule und wechselte später dann auf die Oberschule. Nicht erspart blieb ihm die Einberufung zur Wehrmacht 1943. Ende des Zweiten Weltkriegs kam er auf abenteuerliche Weise dann nach Graz und besuchte dort ein Jahr später die Kunstgewerbeschule. Hanns Wagula war dort einer seiner Lehrer und wurde zu einer wichtigen Person in seinem beruflichen Leben. Oft war er in dessen Atelier, umgeben von klassischer Musik, Kunstwerken der Moderne und Originalwerken z.B. von Kokoschka. Hier sagte er, öffnete sich für ihn der Horizont, der durch die nationalsozialistische Erziehung so begrenzt war. 1948 verließ er schließlich ohne Abschluss die Schule und arbeitete bei Wagula – dort erledigte er, was dieser nicht mehr machen wollte. 1950 war dann ein besonderes Jahr: er heiratete seine Kollegin Iris und gründete im Haus der Schwiegereltern sein eigenes Atelier. Den Wunsch hatte seine Frau auch, doch der nach Kindern war größer.
Zu Beginn seiner Selbständigkeit malte Türk Aquarelle, es ergaben sich immer wieder Aufträge, dass mitunter sogar seine Frau mitarbeiten musste – was sie gerne tat. So langsam wurde auch der »Fremdenverkehr« ein immer wichtigerer Bereich in der Steiermark und Türks Atelier. Es entstanden – mit Auszeichnungen versehene – Plakate und Broschüre, wie auch Signets, die noch voller Unschuld waren, in Zeiten, und wo es den Begriff »overtourism« noch nicht gab. In diesen Jahren entstand auch sein weithin bekannter und bis heute sympathisch grüßender Schneemann. Hinzu kam der Bereich von Messeständen, wo er als Schriftenmaler tätig war und im Anschluss daran das Thema Ausstellungsgestaltung. Die erste war 1955 für das Hygieneinstitut der Universität Graz. Es war also nicht mehr nur alles für den Tourismus. Ein weiterer Aufgabenbereich entstand in der Verpackungsgestaltung, beispielsweise für PEWAG-Schneeketten oder Hornig-Kaffee. Auch hier wurden seine Arbeiten mit Preisen ausgezeichnet.
Im Jahr 1969 bot sich noch eine andere Gelegenheit für Türk, mit einer gewissen Stabilität und Sicherheit: er wurde freiberuflicher Referent für Werbung bei der »Kolonial-Import«. Diese war die Dachgesellschaft der – mit für die heutige Zeit harmlosen Begrifflichkeiten – »FF – freien, fortschrittlichen Kaufleute«. Diese beiden »f« änderte Türk dann aber recht bald in »familienfreundlich«. Im Zentrum stand für ihn aber – auch dort – die gestalterische Arbeit. Denn die Gebrauchsgraphik hatte aus seiner Sicht immer auch eine »kulturelle« und »geschmacksbildende« Leistung zu erbringen. Das war sein Ansatz und sein Anspruch. Zu seiner Zeit, davon war Herbert Türk bis zuletzt überzeugt, gab es dazu einen wesentlich größeren Freiraum. Nicht nur, was Bearbeitungszeit und gestalterische Freiheit anging, sondern gleichermaßen in der Anzahl gesetzlicher Vorgaben, wie beispielsweise bei den Lebensmittelverpackungen. Ein anderer Aspekt war zudem die Nähe zu den Inhabern und »Direktoren«, die sich eben vor niemandem rechtfertigen mussten. Im Gegensatz zu den damals langsam aufkommenden »Werbeleitern«. Wie wichtig ihm diese Ziele jenseits des Kommerziellen waren, zeigte auch sein Engagement (ab 1981) als Obmann der Bürgerinitiative für Umweltschutz in Graz/Geidorf.
1986 ging Herbert W. Türk dann offiziell in Ruhestand – praktisch zeitgleich mit dem Aufkommen der ersten wirklich funktionierenden, praktikablen Computer. Nicht zuletzt auch deswegen! Das wollte er sich nicht mehr antun, weder die Umstellung, noch die großen Investitionen. Für einen Industriekunden arbeitete er noch bis 1991 weiter – er hatte Kunden, gerade im Tourismus, mit denen er bis zu 36 Jahren zusammenarbeitete! Wenn er dann ins Telefonbuch blickte, verstand er die Welt nicht mehr, was dort alles unter Grafik, Design und Werbung zu finden war! Grafisch oder künstlerisch tätig war er dann nicht mehr lieber hörte er Musik, las viel und genoss die Zeit zusammen mit seiner Frau. Ihr Tod im letzten Jahr war schlimm für ihn.
Wie eingangs erwähnt, war mein Kontakt zu Herrn Türk sehr »überschaubar« – und doch, wir telefonierten einmal im Jahr. Jedes Jahr! Meist nach den Weihnachtsferien rief er mich an und fragte, wie es uns geht. Wir redeten über die Zeiten und die Veränderungen in ihnen, durch sie … dabei erwähnte er immer wieder seine Verwunderung darüber, wie wenig über Design in der Öffentlichkeit gesprochen und geschrieben wird. Zu seiner Zeit meinte er, waren auch in den Tageszeitungen öfters Berichte zur Gebrauchsgraphik, heute – nichts. Und dies, obwohl Design zweifelsohne immer präsenter und wichtiger wurde. Man wird das Gefühl dabei nicht los, dass »früher« sicherlich nicht alles besser, manches aber schon »vernünftiger« und angenehmer, einfacher war. Das letzte Telefonat im Januar dieses Jahres allerdings wird mir immer in Erinnerung bleiben: Herr Türk erzählte vom Verlust seiner Frau und war so unendlich traurig. Ich war zutiefst berührt, mir fehlten die Worte – und diese konnten freilich nicht trösten. Zu gerne hätte ich das, doch mir kamen selbst fast die Tränen, so sehr spürte ich seinen Schmerz. Lieber Herr Türk, ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie jetzt wieder bei Ihrer lieben Frau sein können!
Andreas Koop | 12.12.2018