Nachruf Nikolai Borg

Wenige Tage vor seinem 99. Geburtstag starb Nikolai Borg am 22. Januar 2018 in Klagenfurt. Mein Anruf für eine Gratulation wurde dann zur Beileidsbekundung bei seiner Frau.

Einen Nachruf auf ihn zu schreiben, ähnelt jetzt recht genau der Aufgabe vor acht Jahren, als es galt, seine Biographie (und vor allem seine Arbeiten) auf 48 Seiten darzustellen. Denn mit ihm wurde die Reihe »design|er|leben« begründet – mittlerweile sind bereits 19 Bände mit Portraits von Designerinnen und Designern erschienen. Sein Leben hier in kurzen Zügen nachzuzeichnen, erscheint also einigermaßen aussichtslos! Und trotzdem sei es versucht: Geboren wurde Borg am 7. Februar 1919 in Münster, Westfalen, doch schon im nächsten Jahr folgte der Umzug ins schwedische Stockholm. Nach dem Tod des Vaters 1923 – er leitete dort eine Lokomotivfabrik – zog er 1927 mit seiner Mutter und dem älteren Bruder nach Berlin, ging zur Schule und schätzte die lebendige Stadt sehr. Ich bin dabei immer geneigt, an »Emil und die Detektive« zu denken, was zeitlich und vom Stadtteil her sogar auch noch passt!

Den Einstieg in die Graphik, die Gebrauchsgraphik, begann Borg nach der Oberrealschule 1935 an der Meisterschule für das graphische Gewerbe, zwei Jahre später folgte der Wechsel auf die Kunstakademie. Das Erwähnen der Lehrer (Boeland, Hadank), des Umfeldes und dieser Zeit würde leider zu weit führen: aber der Band #01 ist ja noch erhältlich! 1938 gab es einen bundesweiten Wettbewerb für die Gestaltung eines Signets für die Deutschen Jugendherbergen, den der junge Student gewonnen hatte und danach von Dr. Fritz Todt beauftragt wurde, auch eines für das »KdF«-Seebad in Rügen zu gestalten und eines für den »KdF«-Wagen – eine Sache, deren Ausgang ihn bis zum letzten Tag seines Lebens umtrieb und wütend machte. Doch gaben die Zeitläufte erst einmal eine andere Richtung vor: die Einberufung zur Armee. Nach zwei Jahren bekam Borg dann überraschend die Möglichkeit, sein Studium abzuschließen. 1943 heiratete er und das erste Kind ließ nicht lange auf sich warten. Dazwischen und danach waren wieder Kriegseinsätze – mit einer schweren Verwundung im Winter 43/44. Über Finnland ging es dann zur »Wiederauffrischung« nach Südfrankreich. Doch endete diese letztlich in einem Lazarett in Berlin wo er unterernährt und mittellos kurz vor Kriegsende entlassen wurde. Er arbeitete einige Zeit in Norddeutschland bei einem Bauern, wo seine Familie untergekommen ist – das zweite Kind kam dort auf die Welt – und sie mehr schlecht als recht nur über die Runden kamen. Mit Zeichnungen und Kinderbüchern begann er wieder (als Tauschware) gestalterisch zu arbeiten.

1948 war dann der Umzug an den Bodensee, nach Meersburg, wo Nikolai Borg ein Studio einrichtete und er über »alte Kontakte« versuchte, an Arbeit zu kommen. Der erste Auftrag war von einem Eau-de-Colgone-Hersteller in Köln. Es folgten andere – so wurde Borg langsam zum Spezialisten für Verpackungen und die Bewerbung eben dieser Inhalte. Es entstanden aber auch Bücher, wie die Firmenchronik für Karstadt (eines der »Schönsten Bücher Deutschlands« 1956), für die er auch das inhaltliche Konzept entwickelt hat. Weil er nach und nach immer mehr zu einer Werbeagentur wurde, gründete er 1957 mit einem Kaufmann zusammen die Wirtschaftswerbung GmbH – kurz darauf zogen Familie und Büro nach München. In den 1960er Jahren war schließlich seine erfolgreichste Zeit. Zu den Kunden des Büros gehörten Bahlsen, Sprengel, Danone, Creuzer, Inka-Kosmetik und viele mehr. Borg war z.B. einer der ersten, die beispielsweise Kekse nicht mehr malten, sondern als Fotografie darstellten – und der die Verbindung von Marke, Erscheinungsbild, Verpackung und Werbung sah. Ein herber Rückschlag war 1964, als ihn sein Partner hinterging und mit vielen gemeinsamen Kunden eine eigene Agentur gründete – seine neue benannte er selbst daraufhin um in »AB – Agentur Borg«. Die war wieder kleiner, was ihm nicht unrecht war, denn die tagtägliche Arbeit war immer weniger die »eigentliche«. In den 1970er Jahren wurden dann – das erzählen unisono alle Grafiker dieser Zeit – das Geschäft schwerer: immer mehr amerikanische Großagenturen witterten einen Markt in Europa, präsentierten mit viel Hokuspokus, gingen in Vorleistung, versprachen viel und boten alles aus einer Hand. Dazu veränderte sich auch bei den Unternehmen manches – die Zeit der großen Patriarchen endete, an ihre Stelle traten nicht selten streitende und wenig motivierte Erben.

1977 zog er schließlich mit seiner späteren zweiten Frau nach Thiersee in der Nähe von Kufstein, wo sie vorher schon oft in Urlaub waren und eine Art »zweiten Wohnsitz« hatten. Doch damit war man nochmals weiter weg aus dem Geschehen und »vom Schuss«. 1982 war schließlich die Heirat mit Doris – die ihn bis zum letzten Tag zuhause pflegte und für ihn da war. Mit dieser Ehe wurde Borg auch österreichischer Staatsbürger. Immer mehr widmete er sich seinen freien, künstlerischen Arbeiten, wie beispielsweise über damals neuen »Euro« oder zum Thema Umweltverschmutzung, die in München, Wien, Innsbruck und Bozen ausgestellt wurden. Es entstanden auch eine Reihe von Reliefs von Gebäuden und Städten – in zehn Jahren beispielsweise eine historische Bildkarte der »Gefürsteten Grafschaft Tirol« und eine Bildkarte Kärntens. 1988 ging er offiziell in Ruhestand, seit 2007 lebte er schließlich in Klagenfurt.

Im Jahr 2004 war der – von »designaustria« finanzierte – Prozess gegen die Volkswagen AG. Nikolai Borg wollte als Urheber des »VW«-Signets bestätigt und anerkannt werden. Weniger aus finanziellen Gründen, denn der Anerkennung im wahrsten Sinne wegen. Das aber ging mehr oder minder schief, aus für Außenstehende irgendwie nur schwer nachvollziehbaren Gründen. Aber wie so oft, wenn Nicht-Gestalter über Design reden und es bewerten. Zudem gab wohl tatsächlich eine gewisse »Parallel- oder Doppelschöpfung« des (bzw. eines sehr ähnlichen) Zeichens von zwei Personen. Wie auch immer, der Autobauer wollte nicht nachgeben, der Autor konnte nicht recht beweisen, was vor vielen Jahrzehnten gewesen war und zu allem Überfluss auch noch in einer zerbombten Wohnung verbrannte. Es ging ihm allerdings, wie eingangs erwähnt, bis zum letzten Tage nach. Immerhin kam ich auf diese Weise (indem ich zufällig einen Artikel darüber las) mit Herrn Borg in Kontakt, woraus eine besondere Freundschaft entstand. Eine, für die ich sehr dankbar bin. Nikolai Borg war für mich immer auch »ein Fenster« in eine vergangene Zeit, die mich selbst sehr beschäftigt.

Andreas Koop, 18. April 2018