Fern dem Volke – der Laubbläser

Wüsste man nicht, dass PolitikerInnen auch Menschen sind, man käme nicht immer auf diese Idee. Jedenfalls scheint das, was sich als Social-media-Phänomen Bubble nennt schon länger in der Welt zu sein: dass nämlich jeder in der seinen lebt – und von der anderen nicht so viel mitbekommt. Das gilt für beide Richtungen und ist kurzum tragisch. Denn die Einen machen beispielsweise Gesetze – mit denen die Anderen leben müssen. Leben und arbeiten. So z.B. mit dem, was Digitalisierung genannt wird und von dem wohl jeder eine andere Vorstellung hat (Hauptsache WLAN!-), der KSK oder einem Vergaberecht, das seinen Namen davon hat, weil die Teilnahme meist vergeblich ist. Alles schöne Ideen, die am »normalen« Leben vorbei gehen. Natürlich sollte man grundsätzlich nicht zuerst alles, was nicht läuft, auf andere schieben. Doch manchmal ist das Eigene eben vergeblich, weil von Anderen die Rahmenbedingungen eben genau so gesetzt wurden. Um den Anfang aufzugreifen, nicht selten von Menschen, denen ihre Partei Studium und Promotion mitfinanzierte, die aber hartnäckig der Meinung sind, man kann von 446 Euro im Monat leben.

Auf die in jeder Hinsicht verschlafene Digitalisierung mag man gar nicht recht schimpfen, seit man weiß, dass die Schulen eine noch viel schlechtere Internetanbindung haben als man selbst. So investiert eine der führenden Industrienationen in seine Zukunft, die Kinder – und jubelt alleine in Bayern zwei Milliarden Euro in eine diffuse »Innovationsförderung«, aber die Kinder sitzen weiterhin mit 27 anderen in der Klasse. Ach, hat eigentlich ein Gestaltungsbüro dafür ein Projekt eingereicht oder im Sinn? Es ist ja sonst immer die plakativ-innovative Branche. Auch investiert man Abermillionen in eine wie auch immer gesunde 5G-Technologie, für die es im Grunde keine Anwendungen gibt, außer dem autonomen Fahren – für den ÖPNV kürzt man aber weiter die Mittel. Schöne neue Welt.

Die KSK (Künstler-Sozialkasse) ist wie so vieles auch eine gute Idee. Theoretisch. Die sich aber auf ihren eigenen Weg gemacht hat und letztlich, streng genommen, heute u.a. den Wettbewerb verzerrt: weil Kunden einer GmbH diese eben nicht auf die Gestaltungsleistung bezahlen müssen, von »natürlichen Personen« aber schon. Rechnet ein Kunde nach, müsste er im Grunde bei einem Einzelunternehmen rund 5% zum Honorar dazu rechnen. Dass natürlich nicht jede natürliche Person im Sinne einer DesignerIn diese wiederum nutzen kann, versteht sich fast von selbst.

Was das Vergaberecht angeht, ist die (gute) Absicht klar und offensichtlich – nur Weg und Ziel ein Witz. Oder wie – außer dem Erfolg der Lobbyisten und der Herkunft vieler MandatsträgerInnen – ist es zu erklären, dass jede noch so lachhafte Gestaltungsaufgabe ausgeschrieben werden muss, eine Kommune aber den Anwalt ihres Vertrauens bis zu 50.000 EUR ohne ein Vergleichsangebot beauftragen kann? Dass von vielen öffentlichen Stellen bei ihren Ausschreibungen kostenlose oder beschämend gering bezahlte Vorleistungen gefordert werden, ist das nächste. Bei der Entscheidung sitzt dann der Verwaltungschef mit dabei, aber niemand vom Fach. Wo es eh nur um den Preis geht ist der nächste Witz, dass alles definiert ist, nur das zentrale nicht: die Qualität. Wer schreibt bitte »1 Auto« aus? Würde das außer Dacia jemand überleben? Elektriker oder Zahnärzte lassen sich schon ihr Angebot bezahlen.

Das Problem ist vermutlich nicht einmal der gute Wille und die gute Absicht. Doch dem Staat und seinen Vertretern fehlt eben jede Fantasie, jede Lebensnähe, jeder Pragmatismus. Gut gemeint und gut gemacht ist eben zweierlei. Während traditionell bei den unerheblichen Beträgen (Schein-)Kämpfe geführt werden, sind die Hürden bei den großen dafür klein. Da will man nicht einmal ein Mitspracherecht bei Lufthansa. Und an der Nachhaltigkeit müssen sie auch nicht arbeiten – die hätte man wiederum en gros erreicht, wenn sie einfach in die Pleite geflogen wäre. Genau die erwartet in der nächsten Zeit dafür so manche Kunst- und Kulturschaffenden oder Gestaltungsbüro. Und auch das wird keiner hören, keiner merken.

PS: Laubbläser sind übrigens für Anwohner und (Kleinst-)Lebewesen die Hölle.

––––

»Grafikmagazin« Ausgabe 1/2021