
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Eisen, sehr geehrte Stadträte – also Stadträtinnen und Stadträte, sehr geehrter Vorstand des Heimatvereins, liebe Gäste!
Ja, schön, dass sie alle hier sind – wobei das Thema größere Menschenansammlung und Museum in Illertissen für mich ein gewisses »posttraumatisches Potenzial« hat.
Aber es freut mich natürlich, dass ich hier stehen kann und etwas zur Eröffnung sagen darf – weil eben die Unwahrscheinlichkeit, irgendwann hier zu stehen, und etwas zur Eröffnung zu sagen, doch recht groß war.
Ich weiß nicht, ob sie den herrlichen Auftritt von Gerhard Polt im Jahr 1980 kennen und noch vor Augen haben – man hatte ihm zuvor einige Stellen über Friedrich Zimmermann, den damaligen Innenminister (genannt »Old Schwurhand«) aus einem Manuskript gekürzt und auch bei seinem Auftritt zur Verleihung des »Deutschen Kleinkunstpreises« verboten, Zimmermann zu erwähnen.
Er revanchierte sich, indem er die für ihn eingeplanten 10 Minuten mit Schweigen füllte und nur ab und zu erwähnte, wie viel Zeit schon um ist – und wie zäh das voran geht. Ich würde jetzt am liebsten auch nur zehn Minuten hier hin stehen und mich daran freuen, zu diesem Anlass hier zu stehen. Aber vermutlich ist für sie eine Rede dann doch weniger schlimm.
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Wenn Physiker einen Regenbogen analysieren, dann finden sie Licht und Wasser – das Phänomen geht dabei leider verloren. Wenn man Geschichte nur als Epochen betrachtet, kann es ähnlich gehen.
Es gibt große Ereignisse, in denen der Mensch, das menschliche Schicksal verschwindet. Wenn man nur den großen Rahmen sieht, geht das Individuum verloren.
Nation A unterliegt B in einer Schlacht – in der aber starben Soldaten, die Frauen hatten, Kinder, Mütter, Väter, Geschwister. Die vergeblich auf eine Heimkehr warteten.
Es ist das große Verdienst von Christoph Mayr und auch von Dr. Hannelore Kunz-Ott, dass die Menschen, dass der Mensch hier im neuen »Museum Illertissen« die tragende Rolle spielen.»Geschichte und Geschichten« heißt das übergreifende Konzept, exemplifiziert mit und an einzelnen Personen.2 Wenn man überlegt, was einen Ort prägt, wird klar: es sind vor allem die Menschen. Was einen Ort verändert sind erst recht sie – ihr Sein, ihr Bleiben, aber erst recht ihre Bewegung.
Die Geschichte einer Stadt ist also im Wesentlichen das jeweilige Ergebnis – oder Phänomen – des Kommens und Gehens von Menschen. Dieses Gehen ist wie das Kommen oft nicht so freiwillig: ob es darum geht, in den Krieg zu ziehen, ob man aus seiner Heimat vertrieben wird oder fliehen musste, ob es die Hoffnung auf Arbeit und Auskommen ist …
Je nachdem, wo es den Menschen gut oder schlecht geht, verbinden sie mit einem räumlichen Wechsel gleichermaßen eine Hoffnung auf bessere Zeiten … das macht auch bewusst, dass Geschichte nicht »weit weg« ist, sondern im Grunde jeden Tag – neu und weiter – gemacht wird. Ich denke da nicht nur an Flüchtlinge aus Syrien …
Es ist also ein wenig, wie beim Wind, der sich durch das Vorhandensein von warmen und kalten Regionen bildet, wo so bewegte Luft entsteht, die zu Stürmen führen kann, die über einen hinweg toben, zu Gewittern – oder zu einem lebensspendenden Regen.
Apropos Bewegung: ich kenne in den bald 25 Jahren unseres Büros kein Projekt, das einem solchen personellen Wechsel unterlag. Auch die Geschichte eines Museums hängt an der Migration von Menschen. Unglaublich! Der Bürgermeister bzw. die Bürgermeisterin wechselte – immerhin unser Auftraggeber. »Gebt Gold für Eisen« – oder wenigstens eine Kaiserin! Die allerdings auch sehr tapfer für eine solche Umsetzung hier gekämpft hat.
Der Vorstand des Heimatvereins wechselte – teilweise leider auch aus nicht so schönen Anlässen. An dieser Stelle mein Dank an Herrn Dr. Pfeifer, der uns immer vertraute und der wahrlich viel zu tun hatte.
Die zuständige Person bei der Landesstelle der nichtstaatlichen Museen in Bayern wechselte – auf Frau Dr. Kunz-Ott folgte Herr Sangestan. Frau Kunz-Ott war für die Entstehung dieses Museums von sehr großer Wichtigkeit.
Ihr Fingerspitzengefühl und ihre ruhige, diplomatische, wenngleich entschlossene Art, war sehr hilfreich. Denn was die Unterstützung angeht: es geht ja nicht immer nur um das Geld – die Bildung der Arbeitsgruppen, die Bewusstseinsbildung … all das war mindestens genauso wichtig.
3 Die Leitung des Museums wechselte – Christoph Mayr konnte nicht vollenden, was er begonnen! Aber auch wenn er weg war: das Konzept blieb. Auf ihn folgte Frau Winkler und kümmerte sich um die letzte Ausarbeitung und Umsetzung. Bei uns kam Fabian Karrer ins Spiel – er bekam eine Aufgabe, an der man nur wachsen konnte. Musste! Danke für Deine Kreativität und den immens belastbaren Optimismus, bis hin zu Gesprächen mit dem Elektriker daheim beim Zähneputzen … tja. Unglaublich also.
Stabilität hatte das Unterfangen vor allem durch Susanne Schewetzky, die im Hintergrund wirkte und uns den Rücken frei hielt. Sie hatte vermutlich die undankbarste Aufgabe und stand immer zwischen allen Fronten!
Ja, und irgendwann, nach Verzögerungen und tausend Hürden, da wähnte man sich dann kurz vor dem Ziel – als der Innenausbauer insolvent ging. Gutes Timing!
Hier musste dann der Bürgermeister eingreifen – nach unserer Katastrophen-Krisen-Sitzung rettete er das fast aber noch nicht vollendete und machte dabei seinem Namen alle Ehre.
Wenn ich also anfangs von der »Unwahrscheinlichkeit« sprach, hier zu stehen, heute, dann ist das gar nicht so rein unterhaltsam gemeint!
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Dieses neue, wiedereröffnete »Museum Illertissen«, ist selbst auch eine kleine Fußnote in der Geschichte der Stadt – der Betrachtende ist dort sozusagen das Betrachtete, das er selbst betrachtet. Und natürlich gleichermaßen weiter formt.
Es ist also eine Art metaphorischer und auch ontologischer Spiegel, doch es soll nicht nur ein »Rückspiegel« sein. Sondern einer, wenn man so leicht schrägt hineinschaut und ein Auge vielleicht etwas zusammenkneift, der bereits ein wenig in die Zukunft weist, etwas über die Zukunft sagen kann. Womöglich auch hilft, Antworten zu finden, wohin man sich – als Kommune, welch schönes Wort eigentlich! – entwickeln will, welche Werte, welche Ziele man hat.
Unsere Zukunft sind – sprichwörtlich und faktisch – auch und vor allem unsere Kinder. Wenn man den seinen beim Essen zu sieht, könnte man zwar manchmal Angst davor bekommen, aber gut.
4 Uns, also den an diesem Projekt hier zentral beteiligten Personen: Herr Mayr, Susanne, unser Büro – war es deshalb auch sehr sehr wichtig, an sie und mit ihnen zu denken. Deshalb gibt es für die Kleineren auf einer eigenen, angemessen platzierten Ebene, zum Beispiel »Helmut den Holzwurm« – wer kam eigentlich auf diesen Namen?
Die größeren werden hoffentlich über die Schulen und ein eigenes Vermittlungsprogramm einbezogen. Um die gedankliche Verbindung von Staub und Museum zu lösen, hatten wir ja zum Beispiel im Oster-Ferienprogramm schon die Aktion mit der Plakatgestaltung. So könnte es weitergehen! Was kann man aus der Geschichte lernen? Wie gestalten wir unsere Welt? Das sind die zentralen, zu Grunde liegenden Fragen.
Deshalb war es so wichtig, um nochmals an den Anfang zu erinnern, eine zeitgemäße Form im Umgang mit den Themen und der Gestaltung zu finden. Nicht multimediales oder modernistisches als Selbstzweck, in jedem Eck am besten noch, aber eine »Zugänglichkeit« für die Themen schaffend. »Feuer unterm Dach« oder »Museums-Pläne sorgen für Ärger« schrieb die Presse 2013 – so viel zur Unwahrscheinlichkeit!
Aber all diese Auseinandersetzungen, davon bin ich überzeugt, waren wichtig. Das war es auch wert, eine Zeit lang persona non grata in Illertissen zu sein und wenig die personifizierte böse Moderne zu repräsentieren!
Denn das ist es, was z.B. unserem Bundestag so abgeht: leidenschaftliche, mit Energie geführte Debatten und Diskussionen, nicht »Geschlossenheit«. Die Konfrontation von Haltungen, Meinungen, Erwartungen. So kommt Bewegung in eine Sache. Da Diplomatie meine Stärke so nicht ist, waren eben Frau Kunz-Ott und Herr Mayr so wichtig. Sie surften gewissermaßen über »meine« Wellen, glätteten die Wogen, machten Arbeitskreise und damit auch Beteiligung möglich. Was daraus entstand, ist ein Kompromiss – aber eben kein »fauler«, sondern ein ausgewogener, stimmiger Konsens, der dann in einer hohen Qualität umsetzbar wurde. Abgesehen davon sage ich immer: Ärger vergeht, aber das Ergebnis bleibt – und an dem wird man sich messen lassen. Vielleicht ein Reizwort noch (Diplomatie!): Bauernstube. Sie fand – als ein zum Symbol eines Symbols gewordenem Objekt – das als solches heiß umkämpft war, ihren Platz. Wohl zurecht, wenn auch vielleicht nicht so sehr als Exponat selbst, denn als Repräsentant einer Seite der Welt und des Lebens, einer Qualität, einer Haltung, einer Zeit, die – mit Fug und Recht – auch ihren Platz beansprucht.
5 Analog dazu aber, also Pendant oder Komplementär, dann gleichermaßen ein »Objekt-Planet«, von dem ich inständig wünsche, dass er nicht irgendwann im Bienenmuseum unten steht! Also seine Umlaufbahn verlässt! Er wiegt 800 Kilo.
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So, wir haben es geschafft – wir alle!
5 Jahre, viel Zeit, viele Nerven, viel Geld, viele Gespräche, viele Hürden – die letzten sind jetzt dann nur noch zwei Treppenhäuser, die es hinunter und dann wieder hinauf geht, zur ersten Besichtigung, aus der sie hoffentlich genauso stolz herauskommen, wie wir und unser Fabian.
Ich danke im Namen unseres Büros für ihr Vertrauen, die Geduld, die Mittel, den Mut (der mit dem Vertrauen gewachsen ist) und blicke auf ein Ende, das natürlich eigentlich ein Anfang ist – für möglichst viele Besucherinnen und Besucher, alt und jung, von hier und weiß Gott wo her.
Frau Winkler wird sie nachher durch die Ausstellung führen – wer zu Konzept und Gestaltung etwas wissen möchte, kann sich gerne an mich und unseren Fabian wenden: sie werden ihn am entspannt-fröhlichen Gesichtsausdruck erkennen.
Meine Damen, meine Herren,
freuen sie sich auf IHR Museum, seien sie stolz darauf!
Nehmen sie die Geschichte dort an die Hand und führen sie sie in eine lebenswerte Zukunft.
Vielen Dank.
Andreas Koop | Museum Illertissen | 20. April 2018