Designer engagiert euch – Formate, Methoden und Taktiken

Wie können sich Designer gesellschaftlich wirksam und über ihre übliche Auftragsarbeit hinaus engagieren? Welche Formate, Methoden oder Taktiken sind geeignet, die Designkompetenzen im sozialen oder politischen Sinne einzubringen? Allzu oft verharren wir schon bei der Diskussion dieser Frage. Die designgruppe koop aus dem Allgäu hat kürzlich einen interessanten Versuch zur Beantwortung unternommen.

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Der Gründer, Andreas Koop, ist ein aus der Praxis kommender Gestalter, hat aber bereits mehrere Bücher veröffentlicht, die politische Themen aus der Perspektive des Designs beleuchten. Bei genauer Betrachtung wird die aufmerksame Haltung auch in vielen Arbeiten des Büros deutlich. Dort entsteht Kommunikationsdesign, das mit seinem Faible für anspruchsvolle Grafik und Typografie und vor allem für das Denken Otl Aichers nicht hinter dem Berg hält. Von den Projekten für kulturell, touristisch oder ökologisch orientierte Institutionen ist es nicht mehr weit zur übergeordneten Frage nach der Zukunft des ruralen Raums – gerade wenn man in dieser Umgebung lebt und arbeitet. Aber das Team schaut aus dem Büro mitnichten nur auf idyllische Wiesen – und Kühe stehen dort auch keine mehr. Im Gegenteil, die Wiesen sind überdüngt, Traktoren fahren die fünfte oder sechste Mahd ein und in Sichtweite wuchern Neubau- und Gewerbegebiete. Grund genug, sich die Entwicklungsperspektiven des ländlichen Raums genauer – und aus der Designperspektive – anzusehen. In Eigenregie und ohne externe Mittel hat das Team um Andreas Koop ein dreitägiges Symposium auf die Beine gestellt. Der Einladung ins Allgäu folgten hochkarätige internationale Gäste und Referenten. Das ehemals fürstbischöfliche Schloss Marktoberdorf bot gleichzeitig einen inspirierenden und konzentrierten Rahmen für die Veranstaltung. Vom Gestaltungswillen der Initiatoren zeugte aber nicht nur das Programm und die Fragestellung, auch das liebevoll zusammengstellte Begleitprogramm hob sich wohltuend von gewöhnlichen Formaten ab. Einige Wochen später kam der Autor mit Andreas Koop zu einem rückblickenden Gespräch zusammen.

Andreas, wie kamt Ihr dazu, einen Kongress zu veranstalten?

Eigentlich hätte ein Buch entstehen sollen, das aber um nichts in der Welt ein Buch werden wollte. Da kam irgendwann die Idee auf, dass vielleicht eine Veranstaltung das passendere Medium ist: Leute kommen zusammen, Positionen treffen aufeinander und es wird auch wieder etwas hinausgetragen. Ich bin durchs Allgäu gefahren und hatte nicht das Gefühl, dass sich hier ein großer Leidensdruck breitmachen würde. Da gibt es andere Regionen, die deutlicher in der Krise stecken. Im Allgäu ist es eher ein Verlust an Lebensqualität und keine existenzielle Bedrohung. Es ist einfach so: Die Stadt hatte noch nie ländliche Qualitäten, aber sie hat städtische Qualitäten. Auf dem Land verschwinden die ländlichen Qualitäten, aber es kommen wenig städtische hinzu. Die Ruhe geht dahin, aber es kommt kein vegetarisches Restaurant.

Würdest Du in der Frage nach der Lebensqualität eine Gestaltungsaufgabe sehen?

Im Allgäu sehe ich das tatsächlich als Frage der Lebensqualität. In anderen Regionen kann Gestaltung, wie wir das am Beispiel Dessau1 gesehen haben, noch ganz andere Probleme lösen. Der Kongress hieß „Stadt.Land.Schluss.“ und die Unterzeile dazu lautete „Kann man ein besseres Leben gestalten?“

Das sind eigentlich zwei unterschiedliche Ebenen, auf denen Ihr da eingestiegen seid, oder?

Der Titel ist natürlich alles andere als selbsterklärend und der Zusatz ist eigentlich das Grundsätzliche. Wir leben in einer von Menschen für Menschen gestalteten Welt, ergo könnte sie auch anders gestaltet sein. Das ist der Grundsatz, der Grundantrieb, die Grundannahme und die Grundaussage, warum wir hier Gestaltung machen. Uns interessiert tatsächlich diese Dimension, was man mit Gestaltung verändern beziehungsweise verbessern kann. In diesem Fall war das tatsächlich die Gestaltung des Lebensraums im ländlichen Umfeld.

Was war für die Designer das Interessante an der Konferenz?

Bei den Dingen, die man gesehen hat, ging es selten darum, wie sie genau aussehen. Vielmehr ging es um die Idee, dass man vielleicht gar keinen Auftrag braucht, sondern etwas einfach machen und selbst initiieren kann. Oder man kann die Gestaltungsaufgabe für sich neu, kann sie ausweiten.Das hat den Geist vermittelt von Machbarkeit, von Gestaltbarkeit, der viele wirklich berührt hat und hoffentlich auch anhaltend berührt. Lebensqualität und besseres Leben zu gestalten – das muss möglich sein, wenn die Behauptung stimmt, dass wir in einer gestalteten Welt leben. Die sich verbreitende Einordnung unserer Zeit als Anthropozän stützt diese These durchaus. Welche Rolle Gestalter bei dieser Form von Gestaltung allerdings spielen und wie gewichtig diese ist, das bleibt fraglich. In gewisser Weise wurde die Frage nach der Gestaltbarkeit zu einer Metafrage der Konferenz – einer Frage, die sich eben nicht nur auf die durch Design geschaffenen Artefakte bezieht, sondern tatsächlich darauf, was wir überhaupt als (durch Design) gestaltbar definieren. Deutlich wurde dabei, dass das nicht nur im Kundenauftrag passieren kann. Der Aspekt des Selbstinitiierten, Ausgeweiteten und Andersbefragten wurde so zum eigentlichen Erkenntnisgegenstand innerhalb der Projektbeispiele. Damit zeigte sich auch, dass diese Konferenz in sich schon die Arbeit an einer Designaufgabe ist; ein Format zu entwickeln, in dem Gleichgesinnte unterschiedlicher Disziplinen zusammenkommen und voneinander lernen können.

Und, hast Du schon ein Resümee ziehen können? Gibt es einen Erkenntnisgewinn für die anderen Disziplinen?

Ich würde es nicht so hoch aufhängen. Das Sensibilisieren war schon ein großer Erfolg. Und die Erkenntnis für das Stadtmarketing ist sicher eine andere als für die Designer und Architekten oder für den Bürgermeister. Zwei Beispiele: Der Markenchef der Allgäu GmbH war betroffen von der Erkenntnis, wie bisher ihre Landschaft kommuniziert wurde, wie wenig sie aber gleichzeitig für diese tun. Die Vorträge haben ihn wach gerüttelt und sie werden das Thema Landschaft und Architektur jetzt in den Vordergrund stellen. Man kann nicht immer sagen, „die Landschaft ist unser größtes weiteres wirksames Medium. Man stellt einfach irgendwo etwas hin und alle denken: Was bitte soll das? Von Ruedi Baur4 kennt man ja das Beispiel aus Marseille. Dort wurde in den schlechtesten Vierteln etwas aufgestellt, was die Leute dazu bewegt, miteinander zu reden. So entsteht Kommunikation. Hier kann man von Künstlern noch wirklich viel lernen. Bei aller Begeisterung für die hier beispielhaft genannten Initiativen, sollte man nicht vergessen, dass viele dieser Projekte aus dem Hochschulkontext heraus entwickelt wurden oder auf regionale Förderprogramme, wie im Beispiel von Arno Ritter, eines Architekturzentrums zurückzuführen sind. Einerseits ist der Hinweis auf die freie Kunst natürlich naheliegend. Interventionen im städtischen (und ländlichen) Raum, wie die von Banksy oder Obey, haben die Ästhetik des zeitgenössischen Designs stark beeinflusst. Die angewendeten Taktiken entspringen dabei vor allem den Subkulturen, denen sich auch viele Designer zugehörig fühlen. Andererseits führt der Weg aber auch zurück in die Kunst: Die Arbeiten des Zentrums für Politische Schönheit zum Beispiel könnten sowohl in ihrer konsumierbaren Ästhetik als auch in der markenbildenden Kommunikation als Ergebnisse eines professionellen Designprozesses interpretiert werden.

Das Zusammenbringen, Konfrontieren und Moderieren – müsste man das nicht mehr als kuratorische denn als gestalterische Arbeit verstehen?

Ich verbinde den Begriff immer mit Räumlichkeit. Ich würde eher vom Strategischen reden als vom Kuratorischen. Natürlich ist Design der Grund, weswegen man uns einbezieht und auch das Produkt, das entsteht. Beim Lechweg5 ist aber vor allem eine Positionierung entstanden. Eine Haltung, die für das 21. Jahrhundert geschaffen ist und die jetzt anderes nach sich zieht, wie die Lechweg-Produkte, aber auch eine Wertschätzung für das Handwerk und die Architektur. Ich denke wirklich, dass das Design weit über das entstandene Signet und die Broschüre hinausgeht. Das ist meine tiefe Überzeugung, aber auch das, was ich einem Kunden niemals sagen würde. Natürlich liebe ich schöne Typografie, aber im Grunde ist sie mir nicht wichtig – wenn es funktioniert und etwas ändert. Allgemein ist es das Politische, das, glaube ich, jeder Gestalter mitdenken muss. Wir machen zum Beispiel gerade einen Ortsentwicklungsprozess mit Rückholz – unserem Wohnund Arbeitsort – oder versuchen es zumindest. Wir haben Fragebögen verteilt, damit wir erfahren, welche Wünsche es gibt. Und das mit der Vorstellung, dass irgendwann Ziele entstehen, aus denen Kriterien entstehen und die Politik so Parameter bekommt, um zu entscheiden. Was sich für mich aber immer mehr in den Vordergrund drängt, ist der Aspekt des Störens. Ich habe vor Kurzem ein paar künstlerische Arbeiten gesehen, bei denen einfach Bereiche markiert waren in der Landschaft. Und bei uns zum Beispiel gibt es eine Strecke, auf der jetzt alle alten Bäume abgeholzt werden. Da gibt es Markierungen mit Farbe und einer bestimmten Chiffrierung.

Wir haben jetzt überlegt, ob wir das auf alle Bäume übertragen, auf alle Straßenlaternen, auf alles, was irgendwie ein längliches Format hat.

Ja genau. Also einfach wieder stören.

Ist es das, was Du mit Intervention meinst?

Ja. Ich glaube, das ist tatsächlich eine der wichtigsten Aufgaben, die wir Gestalter haben: dass wir stören. Erst wenn man stört und etwas durcheinanderbringt, können die Akteure auch die Dinge wieder neu betrachten. Ich habe ganz oft das Gefühl, dass wir unglaublich produktiv stören. Dass die Störung per Intervention als ein künstlerischer Akt definiert wird, rekurriert auf die „Freiheit der Kunst“, was aber selbstverständlich nicht nur der akademischen Kunst vorbehalten ist. Hans Ulrich Reck bezweifelt zwar, dass „Kontrollverlust, Sabotage und präzise Interventionen, die sichtbar machen, was ein System trägt“6 heute noch als künstlerisches Programm umgesetzt werden können, aber gerade vor diesem Hintergrund könnte es der Designprozess sein, der seine spezifischen Eigenheiten (Heterogenität, Iterationsansatz, Problemorientierung, Transdisziplinarität) als Vorteil ausspielt. Es gibt zahlreiche interessante Beispiele, die diesen Weg beleuchten.

Du hast behauptet, eine andere zentrale Kompetenz der Designer sei das Visualisieren?

Ja, wir können Dinge zeigen, die es noch nicht gibt. Dafür ist die Energiewende ein gutes Beispiel. Sie ist technisch kein Problem, sie ist finanziell kein Problem, von der Infrastruktur her auch nicht, aber irgendwie will sie doch keiner. Für jeden ist es etwas Nerviges, Lästiges. Es gibt kein Bild davon, was es heißt, wenn man nicht mehr abhängig ist von Öllieferanten, wenn auf einmal Milliarden jedes Jahr an Wertschöpfung im Land bleiben und so weiter. Zurück zum Design – und doch steckt auch in diesem Aspekt ein enormes Potenzial für gesellschaftlich wirksame Gestaltung. Denn in der Tat ist es natürlich das Visuelle, das unser Bild von Gesellschaft widerspiegelt. Dabei geht es nicht nur um die Illustration einer grünen Utopie wie oben beschrieben, sondern vielmehr noch um die Frage, von welchen Semiotiken wir unsere gesellschaftlichen Werte beeinflussen lassen. Es sind eben auch unsere Visualisierungen, die „die Formierung des Politischen auf der Ebene des Ästhetischen“, wie Jacques Rancière es nannte, vorantreiben. Genau so, wie wir zum Beispiel die Frage nach kultureller, religiöser oder geschlechtlicher Freiheit beantwortet haben wollen, so sollten wir diese Freiheiten auch visualisieren.

Gibt es da einen Unterschied zwischen der Designgruppe Koop und dem Gestalter Andreas Koop?

Ja. Ich definiere mein persönliches Betätigungsfeld weiter als das des Büros. Unser Büro ist ein wirtschaftlich arbeitendes Unternehmen. Und das, was ich mache, kommt oft dazu, entsteht im Hintergrund oder relativ unabhängig vom Büro.

Du hast angedeutet, dass es eine zweite Konferenz geben wird?

Natürlich war ich mir vorher noch nicht sicher. Aber für mich hat sich während dieser drei Tage herausgestellt, dass man weitermachen muss. Es ging ja nicht ums Geld. Gerade deshalb wollte ich alles so gut wie möglich machen und drei Tage haben, die für alle, die dabei waren, unvergesslich werden. Aber ich war vorher ziemlich skeptisch, ob das alles so funktionieren wird. Mit jedem Vortrag wurde mir dann aber klarer, dass es gut wird. Zum Schluss waren wir zwar komplett erschöpft, waren am Ende und richtig geschafft. Aber das war alles egal, denn ich habe die drei Tage so genossen, wie selten drei Tage zuvor. Das kam auch von den Leuten so zurück und das war einfach großartig.Darum weiß ich, dass man weitermachen muss. Also weiter – stören, nerven, dranbleiben!

Lieber Andreas, ich danke Dir für das Gespräch – und die Konferenz.

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form 05/06 2016