Über DIN Normen hinaus denken

Was kann Kommunikation im Raum hinsichtlich Inklusion leisten? Was ist machbar, worin liegen die Chancen, worin die Schwierigkeiten? Wir sprachen mit Andreas Koop über das Mitdenken von Bedürfnissen weniger, was mitunter jedoch zu Lösungen führt, die neue Nutzergruppen erschließen und vielen zugute kommen ...

Ihr realisiert inzwischen viele inklusive und barrierefreie Signaletik- und Ausstellungsprojekte ...

Ja, wobei man da gleich einmal zwischen Barrierefreiheit und Inklusion differenzieren muss. Ersteres bedeutet, Barrieren aus dem Weg zu räumen. Inklusion heißt, dass man nicht speziell für Blinde oder speziell für Rollstuhlfahrer etwas konzipiert, sondern dass man versucht, diese verschiedenen Anforderungen so zu verbinden, dass alle mit der Lösung gut leben können.

Welchen Anteil hat das Grafikdesign überhaupt an der inklusiven Gestaltung von Räumlichkeiten?

Naja, in der Signaletik verbindet sich ja das Räumliche mit dem Grafischen. Das ist wirklich eine sehr spezielle Aufgabe, die von Architekten oft nicht geleistet werden kann oder will. Und von jemandem, der ganz klassisches Grafikdesign macht, oft auch nicht. Was Grafik alleine kann, ist sehr endlich, weil bei der Umsetzung inklusiver Projekte ästhetische Aspekte zwar eine Rolle spielen, aber nicht substanziell sind. Hier muss man sich oft erst das Medium selbst schaffen, damit Grafik oder Typografie zum Tragen kommen kann.

Wie geht man ein Projekt an, das Inklusion erfordert? Arbeitet man sehr eng mit dem jeweiligen Architekten zusammen?

Das kommt darauf an, ob es sich um einen Neu- oder Bestandsbau handelt. Bei Letzterem kann es sein, dass ich den Architekten gar nicht zu Gesicht bekomme. Bei unserem Projekt Glentleiten, für das ein Orientierungssystem entstand, war aber der Architekt genauso wichtig wie unser eigentlicher Auftraggeber. Ich wollte diesem ja nicht schaden, musste aber natürlich sicherstellen, dass jeder dort die Toilette oder Kasse findet.

Man greift also schon in die Architektur ein ...

Das ist unvermeidlich. Zum einen, weil man Flächen nutzt und umgestaltet, oder diese eben nicht nutzen kann und deshalb selbst Medien baut, die natürlich den Raum verändern.

Wenn man an etwas ganz Neues herangeht: Wer steckt hier eher zurück – Design oder Architektur?

Das ist eine gute Frage. Wenn die Zusammenarbeit nicht auf Augenhöhe stattfindet, ist es wahnsinnig schwierig. Bei Glentleiten ist beispielsweise das Büro Nagler dabei, dessen Arbeit ich sehr schätze, was es natürlich leichter macht. Und andersherum haben die Architekten gemerkt, dass wir ein Gespür für Räume haben – die Barrieren zwischen den Disziplinen waren also nicht so hoch. Wobei es mir beim ersten Termin wirklich sehr wichtig war, das Vertrauen der Architekten zu gewinnen. Es musste klar sein, dass ich zwar die Orientierung sicherstelle, aber nicht den Charakter des Gebäudes verändern möchte. Das führte allerdings zu folgender Situation: Bei dem Projekt gab es sehr wenige Flächen für die Signaletik; der Raum lebt zwar von Säulen, aber die zu bespielen, hätte den seriellen Charakter zunichte gemacht. Ich habe dann eine brachiale Lösung ins Spiel gebracht – einen Wegweiser mitten im Raum. Ein sehr markantes Element, aber so waren fast keine Flächen mehr zur Orientierung notwendig. Es war also ein »Deal«: Der Wegweiser tut euch echt weh, dafür bleibt die Architektur ansonsten unberührt.

Ich hatte lange das Gefühl, Architekten haben Grafikdesigner immer ein wenig belächelt. Findet hier gerade eine Annäherung statt?

Ich sag's nicht gern und man hört es auch nicht gern, aber Architekten haben schon ein anderes Standing. Wobei ihnen durchaus bewusst ist, dass Gestalter einen Einfluss darauf haben, wie ihr Gebäude letztlich wirkt. Man kann also nicht prinzipiell sagen, dass der Architekt über dem Designer steht.

Wird man inzwischen als Designer früher herangezogen, wenn etwas Neues entsteht, oder ist man immer noch das letzte Glied in der Kette?

Ich habe schon das Gefühl, dass man früher dazu geholt wird, was eine gute Entwicklung ist – auch weil dadurch der Gestaltung Relevanz zugeschrieben wird. Es zeigt, dass man durchaus Einfluss auf das Gelingen von Orientierung und Information hat, und das geht besser, wenn man früher dabei ist. Je mehr Einfluss man aber hat, desto mehr Verantwortung trägt man auch ... das muss man mögen. Kommt man erst hinzu, wenn nur noch ein paar Schilder fehlen, kann man schließlich nicht viel verkehrt machen. Wenn man sich aber konzeptionell einbringt, kann man viel richtig oder eben mehr falsch machen.

Denken Architekten euren Part gelegentlich mit? Also planen sie mit ein, dass da ja noch Schilder et cetera plaziert werden müssen?

Wissen tun sie das natürlich schon, aber wollen tun sie es eigentlich nicht. In ihren Augen soll das Gebäude oft für sich stehen und es gibt auch so illusorische Vorstellungen davon, dass die Struktur des Gebäudes schon die Funktionalität erklärt. Aber das klappt normalerweise nicht. Als Gestalter ist man in einer Art Mittlerrolle zwischen Bauherr beziehungsweise Nutzer sowie den Architekten.

Kann Grafikdesign auch etwas in puncto Barrierefreiheit leisten?

Ja, schon. Immer im Sinne verschiedener DIN-Normen, aber diese sollten nie unreflektiert angewandt werden. Natürlich sollte man auf Kontrast achten. Aber es ist wiederum nicht sinnvoll, jedes Mal der Empfehlung zu folgen, den Maximalkontrast zu wählen. Man kann auch nicht pauschal sagen, dass serifenlose Schriften, die von verschiedenen Verbänden oft eingefordert werden, besser lesbar sind. Wenn es danach ginge, hätten wir nur noch die Arial und die DIN. Da kommt man schnell zu einem grundsätzlichen Dilemma: Einerseits gibt es den Künstlergenius, der aufgrund seiner Ausbildung, Erfahrung und Intuition weiß, was richtig ist. Und andererseits eine DIN, die versucht, Dinge allgemeingültig zu regeln. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Ich habe das mal »Dintuition« genannt. Man sollte die DIN nicht ignorieren, seine eigene Intuition aber auch nicht.

Kann man sich diese Intuition auch erarbeiten?

Man kann es eigentlich gar nicht verhindern, dass man ein gewisses Gespür entwickelt. Wichtig ist, dass man weiß, was man kann, aber auch akzeptiert, dass man es sich einfach nicht vorstellen kann, was es beispielsweise bedeutet, blind zu sein. Der Schlüssel liegt deshalb darin, tatsächlich Betroffene sehr früh miteinzubeziehen. Man kann sich Barrierefreiheit nicht lustig aus-denken, man muss die jeweilige Situation mit ihnen durchspielen. Wir kennen inzwischen viele Betroffene, die ich immer kontaktieren kann, wenn es darum geht, Tests bei Umsetzungen zu machen.

Wie sieht das dann konkret aus?

Für das Freilichtmuseum Glentleiten entsteht beispielsweise gerade ein Geländemodell, das 1,60 x 1 Meter groß wird und von einem Bildhauer angefertigt wird. Hier standen viele Fragen im Raum - wie können wir Wiese, Wald, Haus, Weg taktil differenziert darstellen? Mit dem ersten Muster war ich bei unserer blinden Bekannten, bin mit ihr die Details durchgegangen und konnte es dadurch weiter verbessern.

Man verbindet Grafik Immer mit Optik. Bei den angesprochenen Projekten verlagert sich der gestalterische Schwerpunkt total – es ist eine ganz andere Übersetzung der Inhalte, eine andere Sprache...

Ja, das stimmt. Es ist eine Übertragungsleistung für andere Sinne. Das ist insofern spannend, weil wir Designer normalerweise die Ästhetik fokussieren - die Dinge sollen schön aussehen, was für einen Blinden keine große Rolle spielt. Wir versuchen, dieses „Schöne« vom Visuellen ins Taktile zu übertragen, und sind deshalb sehr sorgfältig in der Materialwahl, nutzen zum Beispiel gern Holz als Träger oder pulverbeschichtetes Aluminium, was eine schöne Oberfläche hat. Taktile Grundrisse in öffentlichen Einrichtungen sind normalerweise immer aus Kunststoff gefräst und haptisch nicht schön.

Eigentlich kann man dann sagen. dass inklusives Design nicht einschränkt, sondern die gestalterische Aufgabe erweitert

Ja, schon. Es macht die Aufgabe anspruchsvoller, wenn ich versuche, die verschiedenen Aspekte in einer Umsetzung – eben inklusiv – zu vereinen, die ästhetisch, taktil und haptisch ansprechend ist sowie ein Zwei- oder gar Drei-Sinne-Prinzip bedient. Diese höheren Anforderungen bringen mehr Restriktionen mit sich, führen aber bisweilen zu komplett neu gedachten Lösungen. Im Fall des Landratsamts hatten wir beispielsweise gar keinen Platz in den Gängen, wir konnten nicht an die Wand wegen der Türen, wir konnten nicht an die Decke, weil sie zu niedrig war, und auch am Boden ergab sich keine Möglichkeit. Also mussten wir Möbel bauen. Wenn ich etwas Dreidimensionales baue, muss ich natürlich das Gesichtsfeld des Sehenden in dieser speziellen Konstellation berücksichtigen, dadurch ergab sich automatisch eine Höhe für ein Obiekt, das dann wiederum die perfekte Tasthöhe für Blinde hatte. So verbinden sich die Dinge auf einmal und ergeben eine Einheit.

Über Inklusion spricht man gefühlt schon Jahrzehnte und es passiert immer noch sehr wenig. Wäre es nicht förderlich, wenn Designer von sich aus das Thema ansprechen?

Ja, das ist der Punkt. Und ich gestehe und schäme mich rückwirkend - wenn vor zehn Jahren bei einem Ausstellungsprojekt das Thema Barrierefreiheit nicht angesprochen wurde, dann war man einfach nur heilfroh. Und man hat inständig gehofft, dass es nicht noch am Ende des Gesprächs auf den Tisch kommt und einem irgendwelche Entwürfe versaut. Mittlerweile ist es bei uns aber so, dass wir das Thema Inklusion schon im ersten Gespräch von uns aus ansprechen und die Frage stellen, was man diesbezüglich machen könnte. Das heißt ja nicht, dass man jede Ausstellung für Blinde, Rollstuhlfahrer und kognitiv Eingeschränkte, also für alle machen muss. Das funktioniert dann vielleicht am Ende für keinen mehr richtig. Aber man kann schon über-legen, ob es sich nicht um ein Thema handelt, das sich auch Menschen mit Einschränkungen gut vermitteln lässt. Ich glaube, dass Barrierefreiheit und Inklusion zwar immer auch eine Frage von Geld, aber noch viel mehr eine des Drandenkens ist. Und wenn man das Thema frühzeitig mitdenkt, halten sich auch die Kosten im Rahmen.

Ist Inklusion denn überhaupt überall möglich?

Sicher nicht. Warum soll ich zum Beispiel für eine Ausstellung, die kein einziges taktiles Objekt vorweist, ein Leitsystem für Blinde integrieren? Man schadet dem Thema Inklusion eher, wenn man es überall durchprügelt, obwohl klar ist, dass es für das spezielle Umfeld gar nicht funktionieren kann.

Inklusion bedeutet also nicht, dass man immer alle mitnehmen muss?

Ein Leitsystem muss für alle funktionieren. Im Bereich Ausstellungen kann man Schwerpunkte setzen. Es stellt sich immer die Frage ob, was und für wen es machbar ist. Aber – das wage ich zu behaupten – inklusives Design schließt letztlich immer mehr Menschen ein, als man zunächst denkt. Taktile Elemente für Blinde sind beispielsweise auch für Kinder toll. Es gibt also eine Art Kollateralnutzen. Und dann bekommt man eine Ahnung davon, was dieses »inklusiv« heißen könnte. Man hört oft auch das Argument, dass man den riesigen Aufwand nicht für »die fünf blinden Besucher im Jahr« betreiben könne. Das ist falsch. Erstens haben auch die fünf Blinden ein Recht darauf, zu kommen. Zweitens könnte man in der nächsten halben Stunde selbst blind werden. Und drittens: Vielleicht kommen ja nur deshalb so wenige, weil man Blinden schlichtweg nichts anbietet.

Wieviel Ahnung muss ein Designer von Architektur haben, damit er im Raum arbeiten kann?Das Architektonische interpretiere ich hier eher als ein Gefühl für das Räumliche – also die Vorstellung in der dritten Dimension. Man muss nicht wissen, wie etwas gebaut wird, aber ein Gespür für die Wirkung im Raum entwickeln, für Perspektiven, für Blickwinkel. Ohne das wird es sehr schwer. Ich glaube, man wird mit der Zeit aber versierter.

Aber prinzipiell muss man sich als Designer schon mehr in den Architekten hineindenken, als sich der Architekt in den Grafikdesigner ...

Ja, das kann man so sagen.

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novum 06/2018