


Die Frage danach, was »ein gutes Leben« ist, beschäftigt die Menschen zwangsläufig seit jeher. Dabei wird sie unübersehbar komplizierter und präsenter, je besser es einer Gesellschaft geht.[1] Und die Dimension der Frage selbst wird freilich parallel mit dem Einflussbereich des Menschen auf die Welt größer und drängender. Man spricht schließlich nicht ohne Grund vom Zeitalter des Anthropozän[2] – wo also der Mensch (man könnte auch sagen: wir!) die entscheidende Einflussgröße auf die Entwicklung des Planeten wurde. Das deckt sich mit einem substanziellen Gestaltungsaspekt: schließlich leben wir in einer von Menschen für Menschen gemachten Welt. Die uns umgebende natürliche Umwelt ist heute eine künstliche.[3] Und das impliziert: sie könnte auch anders gestaltet sein. Besser, schöner, nachhaltiger, gerechter, menschlicher … Gestaltung, also Design und damit zusammenhängend die Architektur sind also prägende Einflussgrößen.
Zurück zur Frage danach, was »gut« ist: sie lässt sich im Grunde natürlich gar nicht beantworten. Und allen Menschen, Institutionen etc., die eine Antwort bieten, z.B. die Kirchen, oder aufdrängen, z.B. die »IS«, sollte man schon eher mit Vorsicht begegnen. Doch die Beschäftigung mit der Fragestellung kann bereits einigen Erkenntnisgewinn liefern – wie ja auch fast die gesamte Philosophie ihre Rechtfertigung nicht aus der Beantwortung von Fragen bezieht, sondern aus ihrer Arbeit damit. Diese »hermeneutische Dimension« und Methode ist deshalb eine, von der das Design auch durchaus gewinnen kann. Denn es hat ja per se zum Gegenstand, einen vorhandenen Zustand in einen neuen, besseren zu transformieren. Jetzt könnte man freilich sagen, in einen schöneren – und in der Tat, schöner ist meist auch besser, doch besser wäre bei weitem schöner!
Betriebswirte und Ökonomen haben es da leichter: bei ihnen heißt besser in der Regel mehr (Umsatz, Ertrag etc.). Ihre Welt besteht aus Soll und Haben, aus Einnahmen und Ausgaben – Design hat mehr Dimensionen. Deshalb die im Maßstab reduzierte Frage: Was ist gutes Design? Eines das (nur/immerhin) funktioniert? Nun, das ist eher eine Grundvoraussetzung. An der Stelle könnte man aber auch – wieder mit Blick auf die Betriebswirtschaft – sagen: eines das erfolgreich ist. Der Zweck heiligt landläufig die Mittel, der Erfolg gibt einem recht und so weiter. Doch sind es nicht gerade oft die absurdesten Dinge die Erfolgreichen, während viel Sinnvolles niemals auf den Markt kommt? Oder Dinge durch Nutzungen erfolgreich werden, die man gar nicht geplant hatte, wie die SMS beim Handy, das sich damit zum Smartphone entwickelte? Und spätestens heute kann ein ökonomischer Erfolg immer nur ein Aspekt sein; und überhaupt nur ein recht »verschobener«: denn solange die sogenannten externalisierten Kosten nicht berücksichtigt werden, vergleicht man (ökologisch angebaute) Äpfel mit (konventionell gespritzten) Birnen. Das gilt nicht nur für die Landwirtschaft, sondern ganz grundsätzlich, wenn man an Energiekosten denkt, die Leiharbeiter-Thematik, den Ressourcenverbrauch und ihre Bezahlung (zu billig und an meinst wenige und falsche), die »Entsorgung« etc.
Das mag bis vor einige Jahrzehnte durchaus anders gewesen sein, also es nicht nur Nachfrage, sondern echten Bedarf gab. Wo noch nicht jede/r (zumindest im deutschsprachigen Raum fast) alles hatte. Als bei rudimentäreren globalisierten Strukturen die meisten Dinge zudem bei weitem teurer waren als heute, wo allerdings auch ganz allgemein ein Wirtschaftswachstum fast allen Bevölkerungsschichten noch zu gute kam. Das hat sich elementar verändert. Doch in den letzten Jahren hat sich ein noch elementares ökonomisches Prinzip umgedreht: wurde bis vor vielleicht zehn oder zwanzig Jahren vor allem durch die Nachfrage das Angebot geschaffen und verändert, ist es heute vielmehr das Angebot, mit dem die Nachfrage erst erzeugt wird. Jeder kennt das: auf einem Smartphone gibt es »Funktionen« (oder »Applikationen«), die keiner vermisst hat, bevor es sie gab. Und genau dies betrifft das Design, die DesignerInnen wieder wesentlich: sie sind einer der Motoren in diesem Spiel. Und kein unwesentlicher. Dies steht zwangsläufig in einem dramatischen Widerspruch zu dem, was unsere Erde zu leisten vermag: wir verbrauchen an Rohstoffen etc. in Deutschland pro Jahr den Faktor 1,6 dessen, was unsere Erde decken kann.[4] Die Konsequenzen kennen wir – für die Umwelt, die Tiere, das Klima und natürlich auch für das, was kommenden Generationen übrig bleiben wird.
Damit kommt man eigentlich fast automatisch von rein ökologischen Aspekten zu denen der Werte – und müsste diese gedankliche Erweiterung auch im Design vollziehen. Die Basis des Spannungsfeldes der Nachhaltigkeit – von Ökologie, Gesellschaft und Ökonomie also – sind eben diese Werte: sie definieren nicht nur, was legal ist, sondern auch, was angesehen, sanktioniert und eben ethisch vertretbar ist. Es geht banal gesagt nicht nur darum, eine Broschüre quasi reflexartig auf Recyclingpapier zu drucken, um etwas »ökologischer« zu machen – auch sie verbraucht Energie, Wasser, wird transportiert – sondern zu überlegen, ob es sie überhaupt braucht und ob das, was sie kommuniziert wirklich »gut« ist. Ob es also, um es auf einen sehr kurzen Begriff zu bringen, Sinn macht. Dieser Gedanke könnte womöglich helfen, Kriterien zu finden, für welche Auftraggeber, Projekte und Produkte man seine Energie (immerhin endliche Lebenszeit!) verwenden möchte. Oder positiv formuliert: wo man mit seiner Arbeit am meisten Sinnvolles unterstützen und ermöglichen kann. Dabei dürfte man durchaus über die Auftragsarbeit hinaus auch an freie, eigen-initiierte Projekte denken – die ja bestenfalls ebenfalls etwas zum Lebensunterhalt beitragen können und eigentlich auch müssten.
Es gibt natürlich eine große Kluft zwischen den Möglichkeiten (und Aufträgen) von erfolgreichen Unternehmen, von denen ja auch nicht alle der »personifizierte Teufel« sind, und den vielen notwendigen großen Aufgaben, die keine potenten Auftraggeber haben. Wenn wir nur an die Herausforderungen mit der Flüchtlingsthematik denken, an die Folgen der konventionellen Landwirtschaft, an die große gesellschaftliche und auch politische Aufgabe der »Inklusion«[5] und vieles mehr. Die Gesellschaft und Politik wird noch viele Antworten finden müssen, zu denen Design und Architektur manches beitragen könnten. Doch muss andererseits das Design, müssen die DesignerInnen, eben auch beweisen, dass sie dazu etwas Sinnvolles einbringen können. Und das hat nichts damit zu tun, »sozial« und unbezahlt zu arbeiten, sondern vielmehr substanziell, fundiert, interdisziplinär, professionell, nachvollziehbar und vor allem kritisch. Dann werden vermutlich diese Leistungen auch weit mehr nachgefragt – bis dahin aber wartet noch ein gutes Stück Arbeit auf uns!
–––––––––––––––––
[1] Was dann zu solchen Diskussionen führt, ob ein nach Demeter-Richtlinien hergestellter Wein, also nach dem vermutlich strengsten Öko-Label überhaupt, noch »vegan« ist, wenn die Rebstöcke mit Kuhhorn-Pulver gedüngt werden. (Siehe den Artikel »Vegan vs. Demeter & Co.« in: »Biorama«; Ausagbe 43 Juni/Juli 2016. S. 31f.)
[2] Es umfasst den Zeitabschnitt, in dem der Mensch zu einem der wichtigsten Einflussfaktoren auf die biologischen, geologischen und atmosphärischen Prozesse auf der Erde geworden ist. (Vgl. Welzer, Harald: »Selbst denken!«. Frankfurt am Main, 2015. S. 116)
[3] Das schließt im Grunde auch die »Natur« mit ein: denn sie ist in Deutschland in etwa zu 99% eine Kulturlandschaft – also eine vom Menschen genutzte und damit auch geformte Landschaft. Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Jagd und Fischerei … präg(t)en das Land. Vgl. URL: http://www.fnp.de/nachrichten/politik/Wo-es-noch-Wildnis-gibt;art673,1510435 (Stand 15.09.2016)
[4] Am 8. August 2016 hat die Menschheit mehr Holz, (Kultur-)Pflanzen, Futtermittel etc. entnommen, als die Erde regenieren kann. Ein Jahr zuvor war es noch der 13.8. Vgl. URL: http://www.umweltbundesamt.de/themen/earth-overshoot-day-2016-ressourcenbudget (Stand 15.09.2016)
Man nennt den Tag auch »Overshot-Day« (vgl. Welzer, »Selbst denken« S. 52) http://www.overshootday.org
[5] Inklusion bedeutet, dass alle Menschen in vollem Umfang am gesellschaftlichen Leben teilhaben können«. Vgl. UN-Behindertenrechtskonvention von 2009. (Online verfügbar)