NORM UND NORMALITÄT, FORM UND FORMALITÄT

Anstoß zu diesem Text gab eine Ausstellung über »inklusives Design« im bauhaus archiv berlin / Museum für Gestaltung: Die Rede ist hier von einigen Aspekte der Normalität und vom Weg von der »Norm« zur »Form« zur »Inklusion«.

Die Norm, wie wir sie kennen (in der ehemaligen DDR hätte man dabei vielleicht zuerst an etwas anderes gedacht) kommt ja letztlich von »normal«, von dem, was normal ist – nur was um alles in der Welt ist normal? Und ist das überhaupt erstrebenswert? In einer durchindividualisierten Gesellschaft wäre es fast schon beleidigend, jemandem zu sagen, er sei »normal«. Denn normal heißt eben auch Durchschnitt, lauwarm, fad und reizlos. Aber genau dieses »Normale« muss wohl der Maßstab für die Entwicklung einer Norm sein. Gerade der Durchschnitt, das Ausblenden der »Ausreißer« nach oben und unten, der dicke Rumpf der Gauß’schen Normalverteilung. Oh, schon wieder: normal. Das »Normale« schafft also die Basis für die »Norm«, über die »Norm« definiert sich im Umkehrschluss, was »normal« ist. Ein Blatt Papier ist normalerweise DIN Asoundso, zum Beispiel. Im Kontext der Europäischen Union hingegen denkt man dabei vielleicht an normierte Salatgurken – die in der Tat überzogene Diskreditierung von krummem Gemüse wird gerne aus der (Bio)Kiste gezogen, wenn man sich über die EU lächerlich machen will. Man kann es also auch übertreiben mit der Normierung, erst recht, wenn man Regulierung anderswo bleiben lässt. Dummerweise dort, wo sie wirklich etwas bringen würde, wie auf dem Finanzsektor.

Dann gibt es aber auch noch ganz andere Normen – und die können durchaus nützlich sein. Eine DIN wie die Nummer 18040 etwa. Die Norm für barrierefreies Bauen erkundet die Normalität derer, die (Verzeihung!) nicht normal sind, im Sinne von nicht der Norm entsprechend, und definiert für sie wiederum Normen, um ihnen die Teilhabe und eine gewisse Normalität zu ermöglichen. Sie wird damit fast schon zum Sprachrohr und einer Lobby für Menschen mit Handicaps. All die gar nicht wenigen, die nicht gut zu Fuß sind oder gar im Rollstuhl sitzen, Menschen, die sehr schlecht oder überhaupt nicht hören und/oder sehen und/oder sprechen können. Gleichermaßen für Menschen mit limitierten kognitiven Fähigkeiten, um zumindest die (quantitativ) wichtigsten Gruppen zu nennen. Was brauchen sie, um sich zu orientieren, bewegen, informieren, beteiligen … zu können? An was muss man denken, was vorsehen, was berücksichtigen?

Norm(alität) ist dabei eben in einem gewissen Sinn immer so eine Art »Durchschnittswert« (und -beobachtung). Wie breit eine Tür sein soll, wie hoch ein Toilettensitz, wie viel Kontrast eine Schrift braucht… Natürlich hat aber diese Durchschnittslogik ihre Tücken: Sie passt vermutlich auch nicht überdurchschnittlich oft, denn Menschen eigen sind eben ihre (physischen) Unterschiede, da sind sozusagen alle gleich, nämlich anders – was ganz normal ist. Werden die Menschen größer, wird (oder wenigstens müsste) sich das auf den Durchschnittswert auswirken, die Norm angepasst werden, was für die »Kleineren« dann nochmals weniger lustig ist. Man kann dabei fast nicht umhin, an die abartigen, aberwitzig dimensionierten SUVs zu denken, deren Breite sich immer mehr der 2,5-Meter-Normbreite der Parkplätze nähert. Ob es sinnvoller ist, diese zu ändern oder wieder kleinere (und weniger) Autos zu bauen, tja, das steht auf einem anderen Blatt. Schließlich und endlich aber sind diese Normen immer eher reagierend und müssen, wenn es den Menschen und seinen Lebensraum angeht, auch angepasst werden – in aller Regel im Gegensatz zu technischen Normen, wobei es, bedingt durch etwaige Innovationen, dort natürlich genauso vorkommt. Aber ein DIN-A4-Blatt bleibt einfach gleich groß, egal, ob wir größere Hände haben oder schlechter lesen können. Meist werden neue Normen (oder Grenzwerte etc.) gebraucht, weil neue Geräte neue Funktionen haben und dafür wiederum neue Regeln oder Standards erforderlich sind (bei 5G beispielsweise, das zwar keiner wirklich braucht, aber um jeden Preis kommen muss). Die faszinierende philosophische Frage (weil eben weder lebensnotwendig, noch mit eindeutiger Gewissheit zu lösen) hinter all dem ist, ob es – gnadenlos vereinfacht freilich – das Ding hinter dem Bild eines Dings auch und zuerst gibt, oder ob das Bild das Ding ist.

Denn sie könnte in ähnlicher Form so auch für die Norm gestellt werden: Ist die Norm (im Sinne des Durchschnitts, der dann als normal gilt) etwas, das die Wirklichkeit abbildet – oder etwas, das es in Wirklichkeit gar nicht gibt? Wird sie im »Ideal« abgebildet, das aber »selbst« nicht existiert? Oder ist sie substanziell aus der Existenz der Dinge erstellt? Da »das Ideal« in der Natur ja genauso wenig vorkommt wie »der Durchschnitt«, ist das perfekt am Normalen und Durchschnittlichen Ausgerichtete letztlich vielleicht sogar das am denkbar Schlechtesten für alle: weil es damit für niemand richtig und passend ist – dem einen zu groß, der anderen zu klein. Etwas Imperfektes scheint fast besser zu sein, zwar ungerecht, da für manche arg unpassend, für andere hingegen (fast) perfekt. Hieße das dann auf die Anforderungen und Lösungen eines inklusiven Museums bezogen, um langsam zum Punkt zu kommen, wer die Barrierefreiheit und Inklusion perfekt und den Normen gemäß umsetzt, macht es wieder nur wenigen wirklich recht? Weil die Textmengen für Sehende und Interessierte zu gering sind, wenn in einer Braille- und Pyramidenschrift dargestellt? Weil die versale Schrift nicht angenehm zu lesen ist? Weil der Platz fehlt, alles in allen erdenklichen Darstellungsformen zu zeigen – und es zudem auch dem Gedanken (und Geist) der Inklusion letztlich widerspricht, wenn für jede »Gruppe« dann eine jeweils eigene (separate, exklusive) Ebene existiert. Wobei die Problematik ja noch viel tiefer reicht, da es in der Tat nicht geht, »es jeder/jedem recht zu machen«. Es ist wirklich nicht möglich, da bestimmte Anforderungen von Menschen mit und ohne Handicaps konträre Anforderungen und Bedürfnisse bzw. Notwendigkeiten bedingen und sogar konkurrieren können. Der Klassiker: Bei der Wegeführung können sich blinde Menschen an einer Aufkantung gut mit dem Stock orientieren – für mobilitätseingeschränkte Menschen ist es eine zusätzliche, unangenehme und hinderliche Schwelle. Ein naheliegender Ansatz wäre also, für jede Gruppe von NutzerInnen immer »eigene«

Lösungen anzubieten, sei es im Gebäude, auf dem Weg oder bei der Informationsvermittlung. Letzteres beispielhaft weitergedacht hieße im Museum: den Text in Kurzform und »Leichter Sprache«; daneben ein ggf. nochmals gekürzter Text in Braille und noch einer in Profilschrift mit hohem Kontrast, als nächstes dann den »ganz normalen« Text, diesen vielleicht noch zusätzlich zum Sich-vorlesen-Lassen.

So, wäre es damit geschafft? Nein, irgendwie auch wieder nicht, selbst wenn hypothetisch genug Geld, Platz, Bewusstsein, Motivation etc. vorhanden sind. Obwohl man damit eine scheinbar allumfassende punktuelle Barrierefreiheit schaffen könnte, ist es wie vorher angedeutet genau gegen die eigentliche Bedeutung und Absicht von Inklusion: dass etwas eben für alle (oder zumindest möglichst viele) da ist. Wer wie den für sich »idealen« Text finden soll, wäre zudem noch ein spannendes Rätsel. Anders herum hat gerade diese inklusive Denk- und Herangehensweise wieder ganz andere und schöne (Neben)Effekte: Wenn beispielsweise in einem Freilichtmuseum das Haus und die Ausstellung darin speziell für blinde und sehbehinderte Menschen konzipiert und umgesetzt werden (wie in historischen Gebäuden oft nicht anders möglich, da Schwellen oder enge Treppen mobilitätseingeschränkten Personen den Zugang erschweren oder verwehren), damit aber gleichermaßen Kindern und Familien etwas Besonderes geboten wird, weil es dabei viele Hands-on-Objekte gibt und sie auf diese Weise zudem spielerisch mit anderen, speziellen Bedürfnissen oder auch mit blinden BesucherInnen in Kontakt kommen. Das Abbauen von Hemmschwellen ist nämlich etwas jenseits aller Normen und von größter Wichtigkeit. Weil es eben nicht die Umsetzung an sich gibt, sondern »nur« die Umsetzung im jeweiligen Kontext, mit den jeweiligen Möglichkeiten, Mitteln, Rahmenbedingungen.

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