Das Bild auf der Übersichtseite wurde mit einer KI (ChatGPT) generiert

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Omnipräsent, dominant, geliebt, gehasst, Quelle und Ziel vieler Sehnsüchte – das Auto ist schon eine Art »Grund-Mythos« aus dem (ähnlich dem des Fliegens) fundamentalen menschlichen Wunsch, mobil zu sein. Also von hier nach dort zu kommen, ohne Anstrengung, eben: auto mobil zu sein, sich selbst zu bewegen, vielmehr bewegt zu werden. Beim modernen Menschen mittlerweile durchaus im Sockel der Maslowschen Bedürfnispyramide angesiedelt. Von Maslow zu Darwin: Im Kampf des Überlebens auch weit vorne platziert, eine Art Prädator der Straße, darunter dann (im schlimmsten Fall tatsächlich) Fahrradfahrerinnen und Fußgänger – als Beifang. Beim Auto gilt ohnehin wie bei den Schiffen, so die Empirie von Autobahn bis Parkplatz, das Recht des Stärkeren.
Dieses Auto, ein Gebrauchsgegenstand der besonderen Art. Wie weit ein Mythos gehen kann, vom Symbolischen zum Faktischen, sieht man an der Priorität des Kraftfahrzeugs: versus dem öffentlichen Nah- und Fernverkehr, bei den Subventionen (alleine deren Lobby!) und Kosten (für Straßenbau und -unterhalt, Schäden an Gesundheit …) und nicht zuletzt an Umwelt, Natur und Klima. Gleichermaßen bei den privaten Ausgaben vieler Menschen, wo das Auto durch den Einkauf im Discounter »quersubventioniert« wird. Das Auto hat Vorfahrt, in jeder Hinsicht: »Freie Fahrt für freie Bürger!« Und die Frage stellt sich, wie es so weit kommen konnte. Von einem Hilfsmittel, um von A nach B zu kommen, zum lebens- und gesellschaftsbestimmenden Objekt, dem Status-Symbol. Es ist ein Distinktionsmittel und -merkmal[1], wie man es erfinden müsste, gäbe es das noch nicht. Weil so universell, skalierbar (nach oben offen), »verständlich« und emotional aufgeladen, wie kaum etwas anderes.
Ein zentraler Aspekt, um eine solche Bedeutung zu erreichen, liegt in der Verständlichkeit. Auch ohne Nachdenken oder »Vorwissen«. So, wie jedes Kind weiß, dass ein Mercedes teurer ist als ein Mazda, bedeutet ein Audi A4 eben mehr als ein A3 und ein A6 ist mehr als ein A4 … der S4 die Steigerung des A4 … wie der RS4 des S4 … Die Benennungen sind klar und hierarchisch – auf eine prägnante, logische, analoge Weise –was sogar die Streifen, Sterne und Eichenlaubzusätze bei der Bundeswehr kompliziert dagegen erscheinen lässt. Geradezu durchdekliniert, mit einem System an Zusätzen (Turbo, Blue Efficiency und ähnliche, Allrad – und bei den E-Modellen mit neuen Möglichkeiten, von »i« bis »EQ« …) stellen sie die Rangabzeichen der zivilen Welt dar. Getunt mit der Möglichkeit einer (Null-Prozent-)Finanzierung und Leasing, zur Not als (Zwei-)Jahreswagen. Hier gibt es dadurch die gewünschte »Durchlässigkeit« der gesellschaftlichen Klassen, ganz im Gegensatz zur Bildung!
Imagetransfers kennt man im Marketing. Und Übertragung ist tatsächlich ein Schlüssel im mythologischen Konstrukt des Kraftfahrzeugs – in mehrerlei Hinsicht. Eine ist besonders bemerkenswert: jene der tierischen, animalischen Eigenschaften. Kraft und Erhabenheit eines Jaguars, Schnelligkeit und Wildheit des Pferdes … funktioniert bis heute wunderbar. So viel Archaisches hat sich dann doch enthalten, in der vergleichsweise kurzen Zeit des Übergangs von einem Teil der Natur zu ihrem Feind. Man lächelt milde über den Wolfszahn am Hals des Schamanen, lässt aber die Energie des Hengstes vom Tier auf das Blech und von der Marke auf den Fahrer (und die Fahrerin, mittlerweile scheinen 3-Tonnen-SUVs keine männerspezifische Fragwürdigkeit mehr zu sein) – und sein Ego fließen. Der Status einer Person spiegelt sich im Auto wider – das Auto den Status, man ist geneigt zu sagen »die Potenz«, des Besitzers und der Besitzerin. Und weil das Archaische, Wilde, Ungezähmte heute im Alltag so sehr verschwunden sind, braucht es das offenbar als Ersatz und Illusion. Früher reichte dazu der Fasching und die Raunächte.
Diese »Übertragungsfunktion« geht nochmals einen unguten Schritt weiter: Es ist faszinierend, wie sich nicht nur Wildtiere auf das »Image« der Marke übertragen, sondern auch die Stärke des Motors auf das Ego des Fahrers (hier doch eher das Maskulinum[2]). Wenn jemand auf dem Gehsteig parkt oder auf zwei Parkplätzen ob der Breite des Gefährts, einen auf der Straße bedrängt, über durchgezogene Linien hinweg überholt … es ist meist ein überdimensioniertes, teures, PS-starkes Auto. Und so bleibt die schwer zu beantwortende Frage, ob man so wird (sich so verhält), wenn man so ein Auto fährt – oder ob man so ist (also in Verhalten und »Disposition«, nicht selten auch blanker Aggressivität) und deshalb ein solches Auto kauft. Also das Henne-Ei-Spiel im SUV.
Zur Aufrüstung des Autos bei Leistung, Ausmaß, Semantik … gehört noch eine weitere, zeitlich frühere Dimension: die Sprachliche. Bei den Begriffen zeigt sich, aus wie vielen Quellen der Mythos Treibstoff erhält: da wird der (banale) Motor zum »Aggregat«, beim E-Auto zum Antriebsmodul, die Leistung von Verbrenner und E-Motor im Hybrid zur »Systemleistung«. Weil für viele der zusätzliche E-Motor weniger aus ökologischen Gründen reizvoll ist, denn als »Booster« (das erinnert an eine Szene bei »Mad Max«, als er die Sauerstoffflasche für den Motor aufdreht – das geht, so viel Fortschritt muss man attestieren, heute ungefährlicher und einfacher). Das Konzept der Konstruktion ist jetzt dessen Architektur.
Doch gleichzeitig gibt es eine Art »Gegenbewegung« – die damit eine Steigerung des Mythos zum »Übermythos« auf dem automobilen Bereich schafft: die Oldtimer. Bei ihnen agiert eine Art Distinktions-»Turbo«, da sie – ein Mercedes SL zum Beispiel, mehr als (diese) zwei Buchstaben braucht es nicht! – damals schon mythen-umgeben waren und es heute umso mehr sind. Verlieren Autos gemeinhin und beeindruckend schnell an Wert, steigt der bei seltenen (weil einst schon sehr teuren) Wagen munter an. Kein Wunder, dass bei vielen ernsthaft Vermögenden das »Sammeln« von Oldtimern ein beliebtes Hobby ist. Ihr Witz neben Preis, Seltenheit und nur bedingter Alltagstauglichkeit, ist gerade das Fehlen von (aktueller) Technik, von Assistenzsystemen wie ESP, ABS, ACC oder einem Navi. Das macht sie, nein eben ohne Widerspruch (und auch nur, wenn ein »normales« Auto danebensteht), authentisch, pur, unverfälscht … gibt ihnen einen (natürlich übertragbaren) »Charakter«. Und dazu gehört nicht selten ein besonderer »Sound«.
Womit es wieder zum Titel des Ganzen zurückgeht, mit Nutzung eines weiteres (Un-)Sinnes: dem Hören. Den Klang (andere sagen Krach) haben die Hersteller auch im Blick bzw. Ohr.[3] Vom Geräusch einer schließenden Türe, dem »Klick-Klack« des Blinkers, neuerdings dem Warnsignal beim Rückwärtsfahren im Elektroauto, und eben dem des (Verbrennungs-)Motors. Der muss je nach Leistung und Anspruch, Preis und »Sportlichkeit« zunehmen. Ein 911er Porsche mit Dieselmotor ist nicht denkbar. War er mit Elektromotor allerdings auch nur bedingt, wobei dessen Beschleunigung ins Konzept passt – mit einem anderen Design und Namen lässt sich gut und gerne dann das Eine tun, das Andere nicht lassen. Doch dann gibt es noch Autos, die geradezu von ihrem Klang leben. So die Hubraumstarken mit vielen Zylindern, nicht selten aus Amerika Kommenden. Ein Ford Mustang lebt weniger von einer Mähne, als vom »Blubbern« des Motors, der ungefiltert (oder gesteigert) durch den Auspuff geht. Das ist sein »Witz« und Reiz, der offenbar für viele stärker ist als eine rationale Betrachtung. Nur was macht der jetzt bitte mit einem Flüster-E-Motor?[4] Da bleibt nur anstelle einer Übertragung die Umdeutung: Man muss aus dem nicht mehr viel hören eine Stärke machen! Und Kraft seines Marketingbudgets dann dramatisch verkünden: »So laut kann leise sein!«[5]. Wow! So wird der Wallach wieder potent.
Eine Weisheit bleibt aber, mit welchem Antrieb auch immer, bestehen: Wer auf einen Abgrund zufährt und Gas gibt, kommt schneller an. »Sie haben ihr Ziel erreicht« – die Frage ist nur, ob es das dann wirklich war.
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[1] Wobei interessanterweise das reine Kapital (im Sinne des Kaufpreises) nicht unbedingt dem kulturellen Kapitalzuwachs entsprechen muss – ein Porsche in der »falschen« Farbe, ein Zuviel an Tuning und Spoilern macht die Besitzer wieder zu Menschen, die vielleicht Geld haben (oder einen Leasingvertrag) aber keinen »Stil«. Man fährt also nicht zwingend damit gesellschaftliche Ebenen hoch. Bourdieu lässt grüßen!
[2] Die meisten »Premium«-Marken sind in der Kommunikation sehr auf Männer fokussiert. Auch wenn BMW als ein Beispiel, bei einigen Modellreihen (eher den kleineren und jetzt gerade massiv bei den E-Autos) immer öfter Frauen am oder im Wagen zeigt, wird die Formensprache des (in jeder Hinsicht unsäglichen) X6 als explizit »maskulin« bezeichnet.
[3] Wo es bei den Richtlinien und Zulassungen für die maximal erlaubte Lautstärke eines Motors in Deutschland auch eine bemerkenswerte Handhabung gibt: es wird nicht ein Dezibel-Wert festgelegt, sondern mehrere, die von der Leistung abhängig sind. Ein stärkerer Motor darf lauter sein – und man fragt sich, ob das die Wahrnehmung von Jemandem, der an einer Straße wohnt, auch differenziert!
[4] Das künstliche Simulieren des Verbrennungsmotors war sicher eine anfängliche, gedankliche Option für die Hersteller von E-Autos – doch schon jetzt wirkt ein laufender Dieselmotor auf der Straße anachronistisch. Was »normal« ist, scheint selbst auf diesem Gebiet relativ (sogar schnell) veränderbar. Bleiben noch die Star-wars-mäßigen Geräusche als Möglichkeit – mit dem Potenzial neuer Mythen-Bildungen.
[5] »Mit dem Werbespot setzt die Kampagne auf den besonderen Charakter von Fahrzeug und Zielgruppe und verzichtet auf die reine Inszenierung von Technik«. […] »Der Ford Mustang ist schon kein gewöhnlicher Sportwagen, und der Mustang Mach-E erst recht kein gewöhnliches Elektrofahrzeug. Dementsprechend wollten wir eine ebenso außergewöhnliche Werbekampagne, die schon in den ersten Sekunden des Spots den Charakter des Fahrzeugs widerspiegelt und den Zuschauer in seinen Bann zieht,“ so Olaf Hansen, Direktor Marketing, Ford-Werke GmbH.« Vgl. https://media.ford.com/content/fordmedia/feu/de/de/news/2021/05/11/neue-werbekampagne-fuer-vollelektrischen-mustang-mach-e.html (Stand 15.01.2023)