
Ganz banal, das wusste schon Marx, kann man sagen, entsteht Wohlstand durch eine jeweils höhere, gestiegene Produktivität. Wenn immer mehr in immer kürzerer Zeit hergestellt werden kann, sinkt der Preis und steigt die Menge, und um nochmals Marx zu Wort kommen zu lassen, auch der »Profit« und mit ihm wiederum die »Akkumulation« des Kapitals – mit beachtlichen Dynamiken. Für eine höhere Produktivität braucht es, der nächste Über-Topos der Ökonomie, die Innovation. Wie unterschiedlich die aussehen kann, beweisen die drei portraitierten Firmen eindrücklich: Hier der strategische Einkauf und eine Sicherung von Verfügbarkeit (und die auch noch da, wo sie wirklich Sinn ergibt), woanders die Erkundung alternativer Antriebe oder dort mit einer beträchtlichen Schar an Ingenieuren und Entwicklern für die Nutzung von Potenzialen im Service und der Digitalisierung. Diese »Human resources« zu gewinnen, dazu noch abseits der Metropolen, ist nur am Rande erwähnt, wieder eine andere Aufgabe. Wie ja allgemein die händeringende Suche nach Fachkräften aller Art für viele Unternehmen mittlerweile die größere Herausforderung geworden ist, als Kunden zu gewinnen.
OUTSOURCING IS COMING HOME
Immer wieder prägen neue Begriffe ihre Zeit – oder andersherum. Wenn auf einmal etwas wie »Inzidenz«, ein bis vor kurzem praktisch unbekanntes Wort, heute von Kindern verstanden wird, muss zwischenzeitlich etwas passiert sein. Wir wissen, was. Einem anderen, mittlerweile immer öfter aufscheinenden Wort scheint ebenfalls eine glänzende Karriere vorhersagbar: die Resilienz. Wer Netze über die ganz Welt spannt, muss akzeptieren, dass es auch immer überall »wackelt«, wenn irgendwer – egal wo – daran zieht. Und wenn es arg spannt, wird es schnell einmal eng. Es ist nicht wirklich verwunderlich, dass dort, wo das letzte Zehntel Cent regiert, nicht nur in aller Regel Menschenrechte und Natur den Kürzeren ziehen, sondern auch die, Achtung!, Resilienz. Zwischen A und B wuchs so nach und nach die Distanz – »die Welt ist ein Dorf«. Länder sind zwischen diesen Dörfern, Kontinenten oder Ozeanen zu überwinden. Viel Platz für etwas, das in die Quere kommen kann. Dann fließt vielleicht auf einmal kein Gas mehr, stattdessen Flüchtlingsströme – und man merkt, dass zwar auch auf unseren Äckern Getreide wächst, das im Brot aber zur Hälfte aus Russland und der Ukraine kommt. Oder kam. Wenn manches auf einmal nicht mehr nur eine Frage des Geldes ist, sondern wirklicher Mangel herrscht. Dann ist sogar der Preis als Spielball aus Angebot und Nachfrage aus diesem Spiel: wenn das Angebot nicht existiert. Rohstoffe sind, leider, mit ihrem Boden meist recht unmittelbar verbunden – Erdöl lässt sich schwer produzieren (oder auch »nur« ersetzen), doch sollte man bei dessen Bezug vielleicht ein wenig »diversifizieren«, wie es andersherum jedem Unternehmen unwohl ist, wenn ein Kunde zu vielUmsatzanteil hat. Eine ähnliche Problematik hat Deutschland im Übrigen auch auf der »Metaebene«: die Außenhandelsquote (also die Summe der Im- und Exporte) wuchs bei uns im Land von etwa 45 Prozent vor 30 Jahren auf rund 90 Prozent der Wirtschaftsleistung. Ein fragiles Erfolgsmodell. Innovation und strategisches Denken müssen natürlich nicht auf Produkte beschränkt sein. Und ja, man muss auch ein wenig risikofreudig sein, um die womöglich wirklich großen Risiken zu vermeiden. Bei Ansorge hatte man auch nicht nur Glück bei der Suche nach alternativen Antrieben, doch aus Fehlern lernt man, wächst daran und lässt die Möglichkeit eines Scheiterns im Kleinen zu, um das Große voranzubringen. Und noch spannender als die »wirklichen« Produktinnovationen bei Fendt wären vermutlich die vielen nicht realisierten Ideen!
FLOW REIMT SICH SO SCHÖN AUF GROW
Bemerkenswert, was es alles nach sich zieht, wenn nur ein Schiff feststeckt! Zugegeben, ein großes Schiff – in einem wichtigen Kanal, einer Wasserstraße, die in der Tat Handelsströme kanalisiert. Die Störung des »Flow« war hier, wenn man so will, recht schön zu sehen. Und auch wie das »nach sich ziehen« ein »hinter sich stauen« wurde. Die Dimensionen der »Ever given« waren zwar beeindruckend, mehr aber noch die rund 400 Schiffe, die sich am Eingang zum Suezkanal stauten. Und wie sich alle den Kopf zerbrochen haben, was am Ende wohl günstiger (also weniger verlustreich) ist: Warten oder Umfahren. Neben dem Traktor standen deshalb bei Fendt beispielsweise auch die Lieferketten im Fokus und auf dem Prüfstand. Es heißt so schön, wenn auch aktuell mit bitterem Beigeschmack und irgendwann vielleicht sogar politically incorrect: »Der Rubel muss rollen!«. Man darf wahlweise, je nach Vorliebe, natürlich auch Renminbi, Dollar oder Euro einsetzen. In dem lapidaren Spruch steckt viel Wahres, letztlich die kapitalistische Grundlogik: Alles muss fließen. Nur in der Bewegung wandeln sich die Dinge, mehren sich, verändern sich … Und so müssen Geldströme fließen, die der Waren (deren einstige und eigentliche Grundlage ja) ohnehin, nur bei den Menschen fragt man nach dem Pass. Für Produkte, Dienstleistungen und Kapital wurden seit Jahrzehnten die Grenzen abgebaut – davon kann Benedikt Roßmann von der Spedition Ansorge viel erzählen. Und letztlich steckt ja auch die ganze betriebswirtschaftliche Logik und Sprache voller Dynamik: Die Ware im Lager soll sich »drehen«, also umschlagen, so schnell als möglich rein und raus, Abläufe verschlankt werden, Bilanzen reduziert zu Quartalsberichten, der Börsenhandel vom Daytrader beschleunigt zum Hochfrequenzhandel von Aktien in Millisekunden. Da ist natürlich ein »Lock-down« oder ein Embargo – in welche Richtung auch immer, also das »rein« oder (und) »raus« betreffend – so ziemlich das ungünstigste, was man sich vorstellen kann. Dann rollt weder Rubel noch Euro, fließt weder Gas noch Schiff, die Preise steigen und mit ihnen die Angst. Was noch nie ein gutes »Umfeld« für die Ökonomie war. Der Grad unserer Vernetzung ist eben enorm: mit allen Vor- und Nachteilen. Vermutlich wird man eben genau auf der zuvor erwähntenMetaebene dann übergreifend und strategisch reagieren müssen: Unabhängigkeit (Sicherheit) schlägt dann vermutlich punktuell Effizienz und Preis – ganz aus dem Basiskurs Ökonomie folgend – Liquidität vor Rentabilität.
LEBENSQUALITÄT UND WIRTSCHAFTSWACHSTUM
Wie fragil oder an bestimmten Punkten auch fragwürdig es immer sein mag: Klar ist, unseren Wohlstand, unsere unvergleichbar hohen Lebensbedingungen verdanken wir einer interagierenden, arbeitsteiligen Welt – mit der Betonung auf »Welt«. Mit der vernetzten, übergreifenden Nutzung von Potenzialen, seien sie aus Intelligenz, Bodenschätzen oder digitalen Daten, entsteht Wertschöpfung, Produktivität, Effizienz, Prosperität … sie sind der Motor der Wirtschaft, das Wirtschaftswachstum der Schlüssel zu Wohlstand. Ungünstig nur, wenn der auf Kosten nachfolgender Generationen geht – oder gar das Morgen selbst in Frage stellt. Der Schlüssel zu einer – für alle – guten und besseren Welt liegt sicher darin, eine Balance zu finden aus Wachstum und Reduktion, aus Gerechtigkeit und Leistungsfähigkeit, aus Gemeinsinn und Individualität, aus Konkurrenz und Kooperation, auf Basis einer intakten Umwelt und Gesellschaft. Dann sollten Grenzen auch nicht mehr trennen, sondern verschwinden. Ganz sicher aber nicht mehr gewaltsam überschritten werden.