Alle Augen auf: Die Jungen Wilden

Wenn man sich heute an Hochschulen umsieht, wird man das Gefühl nicht los, »wild« stehe gerade nicht so hoch im Kurs – während einen dann ältere Herren in knallengen Trikots mit dem Rennrad überholen. Und um Fehler zu machen, muss man auch nicht unbedingt jung sein, das geht später noch genauso gut. Im Kontext Unternehmen würde man dennoch das jung und wild eher im Bereich der Gründer – oder wie man heute sagt: Start-ups – suchen. In größeren Firmen werden sich das wild und die Strukturen vermutlich beißen. Doch wie wird man überhaupt, ob nun wild oder nicht, zum Jung-Unternehmer, zur Jung-Unternehmerin?

Zwei Möglichkeiten liegen auf der Hand: man kann eine Firma gründen – oder fortführen, sie übernehmen, kaufen oder erben. Den Traum von einem eigenen Café beispielsweise hat sich Andreas Oertel mit seiner Frau Melanie erfüllt. Nach einer Art Zwischenschritt betreibt der gebürtige Thüringer seit diesem Jahr das »Muckefuck« in Marktoberdorf. Wobei der Ortsname für dieses Café eigentlich Marktoberstadt heißen müsste – es kommt ohne die meist allzu bemühten schein-alpinen Zutaten aus. Wohltuend! Wobei das nicht alle so sehen, erzählt der Barista: Doch »zu uns muss ja nicht jeder kommen, sondern eben nur die Gäste, die sich hier wohlfühlen«. Basta! Das Café ist übrigens so etwas wie die Exekutive der gleichnamigen Kaffeerösterei – sie ist dort, wo Andreas und Melanie wohnen, in Aitrang. Im Allgäu ist Oertel schon seit er 16 Jahre alt ist und seine Ausbildung zum Hotelfachmann absolvierte. »Ich wollte unbedingt hier bleiben – allerdings lieber etwas abseits der Tourismus-Hochburgen«, was sein wichtigstes Lebens-Standort-Kriterium war. Tatsächlich schön für alle hier, dass er ihn gefunden hat!

Wie der Kaffee, sind auch Mangos nicht unbedingt eine regionale Spezialität des Ostallgäus. Letztere als Alternative zu Süßigkeiten ins Land zu holen und wie Laura Drösel betont, »am liebsten statt Schokoriegeln und Gummibärchen vor jede Supermarktkasse« , haben sie und ihr Freund und Kompagnon Nico Krebs sich zur Aufgabe gemacht. Doch wenn man etwas Sinnvolles machen möchte, dann sollte das für alles und alle daran Beteiligten gelten. Und so weiß man auf den ersten Blick gar nicht, ob »Frucht & Nuss« ein Hilfsprojekt, Unternehmen oder Experiment ist! Wobei: Warum müssen sich diese Dinge eigentlich immer ausschließen? Sie wollten einfach nicht mehr wegschauen bei den vielen Missständen auf der Welt – sondern selbst etwas unternehmen. Dennoch blieben klassische Startschwierigkeiten: Wie man beispielsweise die erste Bestellung – einen Container getrocknete Mangos von einem Kinderhilfswerk in Burkina Faso – vorfinanziert. Eine Mischung aus Crowdfounding und einem Eltern-Darlehen ließ die Hürde nehmen. So groß wie die Entfernung, muss auch das Vertrauen sein. Die Kleinbauern, die ernten und liefern, werden immer sofort bezahlt … natürlich »fair trade«. Die erste Station der Mangostreifen in Deutschland ist dann Berlin: von einer Behindertenwerkstatt werden sie dort verpackt und weiter verschickt. Ein großer Teil zu Amazon, »denn der eigene Online-Shop muss sich erst noch entwickeln«, erzählt die gebürtige Rosenheimerin.

Was auch schon zur nächsten Frage führt: Warum Füssen? Als die beiden nach dem Studium einen Platz zum Leben suchten, war das nach längerem Herumfahren die erste Wahl. Die Berge (Schlüsselkriterium), die Natur und das bunte Leben in der Stadt, mit den vielen asiatischen Besuchern, dem multikulturellen Stimmengewirr, waren die perfekte Kombination für die beiden – und ihre zwei Hunde. Was die Mangos angeht: Jung und wild kann viel Gutes erreichen! Die Etappe Berlin war auch für Thomas Kaiser ein wichtiger Punkt im Lebenslauf. Er gründete zusammen mit Christian Wassermann das Designbüro »Höfats« in Unterthingau. Mit der Kombination aus einem Maschinenbau- und Designstudium war der Weg zum Produktdesign praktisch vorgezeichnet. Nach der FH Kempten war die Kunsthochschule Berlin-Weissensee seine nächste Station, der ein paar Jahre in der Hauptstadt folgten, »wo ein tolles Umfeld war und bis heute noch viele Kontakte bestehen«. Doch dann ging es gezielt, wie Kaiser sagt, wieder zurück ins Allgäu – um eine Firma zu gründen. Und das war, davon ist er überzeugt, hier deutlich einfacher, »denn da es hier im Allgäu viel produzierendes Gewerbe gibt, hilft einem bei der Produktentwicklung ungemein«. In Berlin hätte das auch trotz der schönen bunten Kreativszene so nicht funktioniert. »Wenn man einfach zu jemandem gehen und sagen kann, wir haben da eine Idee, könnt ihr uns unterstützen, ist das großartig«, so Kaiser. Wenn man die vielfach ausgezeichneten Produkte anschaut, den Feuerkorb »Cube« oder den Grill »Cone« und die Geschichte dahinter kennt, dann glaubt man schon, ein wenig das Maschinenbaustudium und die Verbindung aus Designer und Ingenieur zu spüren – im besten Sinn! Und die Höfats? »Das ist einfach der schönste Berg im Allgäu – einzigartig und einer der wenigen, wo man noch Edelweiß findet – und das Wort klingt einfach schön«, erzählt Thomas Kaiser.

Was soll man da noch nach »wild« fragen? Bei allen Dreien jedenfalls – Kaffee, Mangos und Feuerschalen – wird eines deutlich: Der Standort selbst spielt beim Vertrieb eine immer nachrangigere Rolle.

Die Konsequenzen des Internet, allen voran mit den übermächtigen Informations- und Verkaufsplattformen, können durchaus die Regionen außerhalb der Metropolen stärken. Oder wer hätte noch vor wenigen Jahren geglaubt, dass man als kleine Firma mit Bergblick international agieren kann? Doch das eint die drei nochmals, egal ob abseits oder zentral gelegen, Erfolg hat man meist nur mehr in Nischen – und dort wiederum wird der nur auf oder ab einem gewissen Qualitätsanspruch möglich sein. Ein ganz anderer Aspekt könnte dabei auf lange Sicht an Bedeutung gewinnen: nämlich die Fragen nach den Mitarbeitern – wo eine schöne Region wie das Ostallgäu aber genauso wieder ihre Stärken haben kann. Und schön auch, dass offensichtlich so viele der »Jungen« nicht nur größten Wert auf Qualität legen, sondern gleichermaßen auf Authentizität und Geradlinigkeit, wie auch auf Aspekte von Fair Trade und ökologischem Anbau. Sich für mehr als das eigene Wohl verantwortlich zu fühlen, ist immer eine gute und schöne Sache!

Eine ganz andere unternehmerische und familiäre Ausgangsposition findet man bei der Firma Allgaier in Nesselwang: Der mittelständische Kunststoffverarbeitende Betrieb exisitert bereits seit dem Jahr 1903 und hat in den vergangenen beiden Jahrzehnten ein zwar »solides«, aber dennoch beeindruckendes Wachstum verzeichnet. Die Cousins Thomas und Christoph sind seit einigen Jahren dort die technischen und kaufmännischen Geschäftsführer. Der große Unterschied zu einem Start-up: Sie sind schon von Kindesbeinen an in das Familiennternehmen hineingewachsen – die beiden arbeiten auch schon 18 beziehungsweise zehn Jahre hier. »Die Mitarbeiter«, so Christoph Allgaier, »haben von dem Generationenwechsel im Grunde gar nichts mitbekommen – weil sich dadurch eben auch nichts geändert hat.« Das ist insofern interessant, als es gerade eine Stärke zu sein scheint, mit einer hohen Kontinuität und Bodenständigkeit zu arbeiten. Dass man bei Invesitionen beispielsweise aber natürlich die Erfahrung der beiden »Senior-Chefs« gerne nutzt, ist nur naheligend. Gepaart mit – beinahe schon klischeehaft perfekt! – den neuen Ideen der »Jungen«. Was in der Geschichte des Unternehmens auch seine eigenen Geschichten hat: »Es gab bei uns auch schon die Konstellation, dass drei Generationen zusammen in einem Büro gearbeitet haben«, erzählt der kaufmännische Geschäftsführer. Nur räumlich arg eng ging es dabei zu. Eine seiner Aufgaben sieht er darin, weiterhin die Prozesse und Abläufe zu optimieren und sich intern »bestmöglich aufzustellen«. Auch wenn man (wie vermutlich überall) dem mitunter eine gewisse Skepsis entgegenbringt – der Erfolg gibt einem dann recht. »Wild sein« jedenfalls, so Allgaier, »sei nicht so ihre Kompetenz und ihr Wunsch«, sondern die koninuierliche Weiterentwicklung des Unternehmens. Vermutlich denkt er dabei schon an die nächste Generation!

Man sieht also eines schon recht deutlich: »jung und wild« zu sein hat immerhin weder mit dem Alter noch mit dem Standort etwas zu tun!

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mach!2 2016