
Design und Demokratie sind zwei Begriffe, zwei Themen, Bereiche, Welten, die sich eigentlich gut vertragen müssten, meint man. Beide leben irgendwie von Freiheit, ein wenig freilich auch von Regeln, bekommen ihren Sinn durch Interaktion, quasi »durch Gebrauch«. Es benötigt einen wachen Geist im Denken, in der Antizipation, dem Codieren und Chiffrieren des zu visuell zu kommunizierenden, Charme und Chuzpe – und die entsprechende Qualität in der Umsetzung. Nur irgendwie scheint das hier nicht so recht zu funktionieren. Eher im Gegenteil. Ganz im Gegenteil! Allein ein kurzer Blick auf die Signets von Städten, Ortschaften, Regionen und Tourismusverbänden und der Beweis ist erbracht. Doch nochmals: Eigentlich müsste Gestaltung, müsste Design doch dort erblühen, wo die Freiheit (und ergo Demokratie – oder alternativ eines wirklichen Kommunismus;-) am größten ist. Was läuft da also schief?
Wenn alle Macht vom Volke ausgeht und man gar noch an den Spruch denkt, ein Volk hat immer die Regierung, die es verdient, so müsste weit und breit das Volk offenbar recht dumm, mindestens aber nicht gerade allzu schlau sein. Sieht man sich im eigenen Lande und darüber hinaus ein wenig um und betrachtet das, was so alles läuft, nicht läuft oder wie es läuft, übersteigen die schnell die Fragen potenzielle Antworten. Vermutlich ist das Volk (in Deutschland meidet man das historisch belastete Wort und verwendet dafür lieber die eher nach einer technokratischen DDR-Sprache klingenden Begriffe Gemeinschaft oder Gemeinwesen) aber gar nicht so dumm. Und auch die Tatsache, dass es die Regierung selbst wählt, macht es nicht gänzlich verantwortlich dafür, was so alles (und in doch größerer Menge) daneben geht. Denn zum einen ist das Ankreuzen von Namen und/oder Parteien auf einer Liste alle vier fünf Jahre noch nicht unbedingt der Inbegriff, Kern und das Wesen von Demokratie, zum anderen hakt es nicht selten ja schon in der zur Verfügung stehenden »Auswahl«. Das Wählen ist in aller Regel und vermutlich nicht für wenige, eine Art der Suche nach dem kleinsten Übel. Und dies absurderweise, obwohl doch mehr oder minder jeder drei, vier, fünf Menschen kennen würde, dem oder der man eine führende politische Position sofort zutrauen würde und sich gut vorstellen kann, dass man dann mit mehr Verstand, Gerechtigkeit, Weitblick und Empathie regiert und Entscheidungen trifft. Komisch, wie das alles empirisch auf breiter Front wiederlegt wird!
Ähnlich wie auch Slavoj Zizek immer vehement dem widerspricht, dass es einfach (nur) an jedem Einzelnen, an jeder Einzelnen läge, wie die soziale, ökologische … Situation im Lande und auf der Welt ist. Aber man kann eben nicht alles dem Individuum aufbürden, davon ist er überzeugt, sondern muss das erst recht dem Staat, der die Rahmenbedingungen (für alle Individuen zusammen jeweils) herstellt, dies zur Aufgabe machen. Um damit eben nicht weiter die Mechanismen zu zementieren, von denen man seit Unzeiten weiß, welche Schäden sie über kurz und lang bringen – und so weiter und so fort. So, wie man in der Demokratie als Ganzes beobachten kann, dass die Durchsetzung von Einzelinteressen der sozialen Gerechtigkeit, Umwelt und Gesellschaft substanziell schaden, so ähnlich ist es in semantischer Hinsicht, wenn Design in öffentliche Gremien, Ausschüsse, Verwaltungen und (kommunal)politische Entscheidungsstrukturen gerät. Dass dort nach Herzenslaune das ihr oder ihm (oder der Gattin zu Hause) persönlich jeweils am besten gefallende ausgewählt und darüber abgestimmt wird, war vermutlich nicht mit demokratischen Entscheidungsprozessen an sich gemeint. Wobei, es ist ja eh alles Geschmacksache! Fallen solche Worte, wünscht man sich eine Umschulung – zu etwas handfestem, »wirklichen«, so Richtung Bäcker oder Landschaftsbauer. Nur, wie kommt man zu einer Entscheidung über ästhetische Fragen, wenn es – Gott sei Dank! – keine diktatorischen Positionen gibt? Kann man über Gestaltung abstimmen? Ist das Design mit den meisten Stimmen das Bessere? Nein, vermutlich eher selten. Es entscheiden hier ja immer auch »fachfremde« über solche Themen. Und selbst wenn Kompromisse die Allzweckwaffe der Demokratie sein mögen, geht das auf anderen Bereichen leichter: wenn wir das dort so machen, dann nehmen wir hier halt etwas zurück, so hat jeder sich einmal wo durchsetzen können und ist zufrieden – vielleicht wurde damit ja sogar wirklich die beste Lösung erreicht. Nur ist das halt schwierig, wenn man bei Design dann auf diese Weise Schrift und Farbe zur Verhandlungsführung verwendet.
Um den Vergleich weiter zu Bemühen und dieser Konstellation nachzugehen: Bräuchte es nicht in der (vor allem »großen«) Politik an sich mitunter gerade einschneidende, zuerst einmal vielleicht auch wenig geliebte Maßnahmen, damit wirkliche Veränderungen beginnen können? Beispielsweise in Fragen der Mobilität und Bildung, der Steuern, der Förderung verschiedener Branchen etc. Wer tut, was (wirklich) zu tun ist, der wird erst einmal viel Geschrei und Widerstand ernten. Womöglich gar Drohungen und Dramen. Und genau so wird auch ein wirklich revolutionäres Design kaum gleich einmal und für alle »gefällig« sein. Dass so etwas möglich war, wie das Design der Olympischen Spiele 1972 in München, ist bis heute beinahe ein Mysterium, ein Wunder, sicher eine Ausnahme. Nicht wegen seiner Qualität, sondern trotzdem! Entwickelt wurde es zwischen 1967–1972, in einer Zeit also, wo es gesellschaftlich und politisch höchst turbulent zu ging. Wo die Verdrängung der Vergangenheit kritisiert wurde, die verkrusteten Strukturen in Familien mit manchen Dramen aufbrachen … Braucht es offenbar diese Turbulenz, die Volatilität (nicht die an der Börse, sondern im Leben), die Dynamik, die Energie, damit ein herausragendes Design entstehen kann? Sicher nicht nur, und klar, es hat zu allen Zeiten gute Gestaltung und hervorragende Gestalterinnen und Gestalter gegeben, keine Frage. Aber von dem, was bleibt? Derzeit werden die Halbwertszeiten der »Trends« von Dekaden auf Monate heruntergescrollt. Dabei wäre doch jetzt gerade eine wenigstens potenziell bewegte Zeit! Der Planet überhitzt, die Gesellschaft bei uns überaltert, der Süden wird uns überrollen (in mehrerlei Hinsicht und Dimension) – aber aus Gründen der Ansteckungsgefahr wird freitags nicht mehr demonstriert. Es geht ums Ganze, eigentlich – tja, eigentlich. Müsste da nicht existenzielles, berührendes, überwältigendes Design gewünscht, gesucht, geschaffen werden? Und eben beauftragt, womit es wieder zum Ausgangspunkt zurückgeht.
Es erscheint heute jedenfalls kaum denkbar, dass etwas ähnliches wieder oder noch möglich wäre, wie beim guten alten Otl 1972. Und das Signet der Fußball Weltmeisterschaft in Deutschland 2006 war irgendwie der lebende, der schlagende Beweis für diese These. Marketing und Infantilität ersetzen Substanz, Auseinandersetzung und Qualität. Das wiederum spricht nicht zwingend gegen eine Branche. Ganz im Gegenteil – es spricht nicht unbedingt für die Auftraggeber, oder korrekter: für die Wege der Auftragserteilung. Denn der größte Auswuchs, wo (und vermutlich nicht nur) Design und Demokratie so richtig kollidieren, ist beim Vergaberecht. Mit Kollateralschäden aller Art, finanziell, nervlicher und sonstiger Art. Kaum vorstellbar, dass es Dinge gibt, die im Ergebnis weiter von der Absicht abweichen, als die öffentliche Auftragsvergabe bei Dingen jetzt der DIN. Und selbst dann – es gibt Flughäfen, auf denen auch ohne Virenbefall keine Flugzeuge abheben, aber immerhin die Kosten. Der Gedanke ist ja an sich richtig, dass also nicht jede/r Museumsdirektor/in, Minister/in, Universitätsangestellte/r etc. nach Gutsherrnart »frei Schnauze« Aufträge vergeben kann. An den Bruder, Schwager, jemand, bei dem er Spielschulden hat, seine Winterreifen dafür bekommt oder sonst was. Nur geht man interessanterweise immer offenbar davon aus, dass dies der Fall ist. Und auf die Schnauze bekommen es dann andere. Wenn also für jedes läppische Signet, eine Wanderausstellung oder Website, ein Plakat und eine Broschüre jedes Mal drei, vier, fünf … Designbüros in Vorleistung gehen. Und am Ende auch noch der Preis (mit)entscheidet. Wie viel Energie da in den Sand gesetzt wird, sehenden Auges – das man den meisten Jurys nicht wirklich unterstellen kann. Wer da alles Konzepte entwickelt, Visualisierungen anfertigt, durch die Gegend fährt zu Gesprächen und Präsentationen. Wahnsinn. Das in aller Regel bei eher symbolischer Bezahlung, die man nicht selten auch noch (für sich und die anderen damit zugleich) erkämpfen muss – doch selbst, wenn das alles unvergütet bleibt, finden sich auf wundersame Weise immer eine Hand voll Büros, die trotzdem mitspielen. Da bewundert man die nichts auf sich, ihre Zunft, ihre Kolleginnen und Kollegen kommen lassende Ärzteschaft!
Jetzt könnte man natürlich sagen, bei den Architekten ist das ja auch so üblich. Stimmt, aber unter völlig anderen Prämissen. Vom festen Berufsbild, das nicht jedem Kunstlehrer ermöglicht, da schlimmstenfalls auch noch mitzumachen, der festen, verbindlichen Honorarordnung und so weiter. Dann kommt ein weiterer Aspekt hinzu: die Vorleistungen (und ihre mehr oder minder vorgesehene Vergütung) stehen nicht selten in absolut keiner Relation zum Auftragsvolumen. Wenn man für 1.000 EUR gut und gerne 50 Stunden (ergo rund 4.500 EUR) für ein Konzept, Gestaltungsansatz und die Präsentation arbeitet, um bestenfalls dann einen Auftrag über vielleicht 20.000 EUR zu bekommen, ist das irgendwie witzlos. Architekturbüros arbeiten bei ihren Wettbewerben vielleicht 500 Stunden an einem Entwurf – dem dann aber ein Honorar von beispielsweise ein, zwei, drei Millionen Euro gegenübersteht. Es ist also ein wenig so, als würde man ins Casino gehen und bestenfalls immer nur seinen Einsatz zurückbekommen. Freilich sind diese »Hardcore-Ausschreibungen« auch nicht wirklich besser, wo es im Grunde fast nur noch um den Preis gibt. Für das man sich bei den verschiedensten Vergabe-Portalen anmelden und einlassen muss, plus aberwitzige Mengen von Selbstauskünften, Erklärungen und Bestätigungen aufzufüllen hat – vom Mindestlohn, den sie quasi selbst bei ihren Anfragen unterschreiten, über die Höhe der Haftpflicht-Versicherung bis zur Bestätigung, dass man keine Strafverfahren am Laufen hat. Die Formulare stammen wohl aus der Baubranche! Aber klar, wenn theoretisch jeder im Lande oder gar der ganzen Europäischen Union sich an solchen LVs beteiligen kann. Ach Otl, wie hast Du vor über 30 Jahren noch so schön geschrieben, ein Grafiker ist frei, er ist das, was er kann – ja, prima, nur müsste das halt auch jemand sehen, erkennen, unterscheiden und vertreten können. Denn frei sind die öffentlichen Auftraggeber nicht; bemerkenswerterweise haben aber auch schon kleinere Firmen (größere sind ja eh der Meinung, es sei eine Ehre und dass man eigentlich etwas zahlen müsste, wenn man für sie arbeiten darf) diese relative Unsitte des »Vortanzen« lassens übernommen und nutzen gerne die breite und bunte Auswahl an Gestaltungsbüros. Berufsverbände haben diese Entwicklungen bisher kaum thematisieren oder verändern, geschweige denn korrigieren können. Andere Lobby klopfen öfert, lauter und haben wohl auch klarere Botschaften und Forderungen. Design und Demokratie, konkreter, Kapitalismus, sind ja eigentlich eine wunderbare Verbindung, oder gar Bedingung: dort, wo es mehr Angebot als Nachfrage gibt, wo sich die Produkte immer mehr angleichen, wo der Grad an Innovation im Grunde überall auf das Marginale abflacht. Dass sich auf 25 Jahre gesehen (soweit reicht die eigene Erfahrung) die Honorare aber bis heute konstant verschlechtert haben, ist somit kein wirklicher Zufall oder Ausrutscher. Trotzdem wächst die Zahl an Agenturen, Büros, Freiberuflern in Summe. Faszinierend – es spricht irgendwie schon wieder für den Beruf, der offenbar (und ja auch tatsächlich) so viel Reiz hat, ihn weiter gnadenlos leben zu wollen.
Apropos politische Systeme: Ob die DDR an ihrem Design zu Grunde gegangen ist, wie ein bemerkenswerter Artikel in einer Ausgabe der »lettre« argumentiert, müsste jetzt nicht unbedingt der schlagende Gegenbeweis sein: Also der Rückschluss, wo die Demokratie fehlt, gibt es auch kein gutes Design. Man müsste da eher sagen, wo es an allem fehlt, von der geistigen bis zur faktischen Freiheit, den ökonomischen Möglichkeiten und so weiter, hat es Design schwer. Und wer in einem de facto totalitären Staate zwischen besserem Design und mehr Freiheit sich für ersteres entscheiden würde, der hat vermutlich nicht alle Latten am Zaun. Zumal diese Freiheit sich ohnehin auch recht bald in einer besseren Gestaltung (in welcher Dimension auch immer) niederschlagen und darstellen würde. Diktatur ist also auch nicht die Lösung!-)
Nur klar ist auch, Demokratie alleine ist ebenfalls nicht viel wert. Kein Wert an sich und auch keine Garantie für alles. Tatsächlich braucht Demokratie den Mut aller, genauso wie das Design. Auseinandersetzung, Beteiligung, Diskurs, ebenso aber gleichermaßen möglichst viel Wissen und Bildung – auch einer ästhetischen. Was in der Konsequenz weit über das Design hinausgeht, beispielsweise wenn weder die Kommunen (trotz ihres Potenzials bei den Rahmenbedingungen!) noch die Architekten die Neubaugebiete, wie man sie leider von fast überall kennt, verhindern können. Da ist nicht gelungenes Design fast noch harmlos dagegen, weil meist in den Häusern.
Leider führt sich Demokratie nicht nur im Kontext Design oft selbst ad absurdum – wo sie das Schlimmste verhindern will und damit das Beste unmöglich macht. So ähnlich wie in Deutschland mit der geliebten Autoindustrie – man schützt und unterstützt sie, wo es nur geht, um sie dann wirklich retten zu müssen, weil sich während des selbstverliebten Tiefschlaf im Biotop die Rahmenbedingungen irreversibel und nicht zum eigenen Vorteil verändert haben. Wenn man diese Beträge wiederum in Bezug setzt, zu dem, was beim Ausschreiben der kleinsten Kleinigkeiten »gespart« wird, weiß man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Was ohnehin und nur so halbwegs funktioniert, weil man die Zeit der unverrückbar festangestellten, unkündbaren Beamten nicht in Euro bemisst und gegenüberstellt. Oder den Aufwand, immer wieder anderen Personen, Firmen und Büros das Wesen, die Haltung, die Werte, Prioritäten und Einstellungen des Museums, Amtes, der Schule oder Uni zu erklären. Aber gut, die Geister, die man rief … ziehen halt irgendwann bei einem ein.
Was man in Summe aber sagen, nein laut schreien möchte, ist der altbekannte Satz von Willy Brandt auf dem Jahre 1969 (!): »Mehr Demokratie wagen«, ja. Tragisch, dass man es Jahr für Jahr und immer wieder auf Plakate schreiben könnte – und sie auch noch höchst aktuell wären. Den Mut zu fordern, die Demokratie dort zu schützen, wo es wirklich notwendig ist. Und das ist ganz woanders, als es heute beinahe demonstrativ »gelebt« wird: bei Daten, Klima, Natur, Toleranz, Vielfalt, Freiheit …