
CUI BONO – WER PROFITIERT DAVON? DAS IST EINE GROSSE FRAGE BEI KI & CO.
Am Ende sind es in aller Regel ökonomische Entscheidungen – auch dort, wo es nicht weniger soziale und ökologische Fragen wären – welche Themen, welche Bereiche und Technologien sich in unser aller Leben hineinentwickeln werden. Da in der Wirtschaft wiederum zumeist das Recht des Stärkeren gilt und „Erfolg“ nicht unbedingt mit „Sinn“ gleichzusetzen ist, darf man erahnen: Was man als das Beste für uns ansieht, muss nicht unbedingt auch gut für uns sein. Umso folgenschwerer, im positiven wie im negativen Sinn, wenn es sich nicht um eher marginale (oder evolutionäre) Innovationen handelt, sondern solche, die man heute gerne disruptiv nennt. Bei künstlicher Intelligenz geht es bei deren Dimension, das sagen im Grunde alle Expertinnen und Experten, um eine Entwicklung, die mit der Einführung der Elektrizität oder der Erfindung der Dampfmaschine vergleichbar ist. In ihrem Wesen ähnlich, nur mit anderer Ausprägung: statt rauchender Schornsteine Serverfarmen … In Summe aber, das ist sicher, wird viel, sehr viel Geld zu verdienen sein.
MARX, KAPITAL UND DATEN
Für Karl Marx war die Sache (noch) klar: Geld verdienen Unternehmer durch die Differenz von Wert und, wenn man so will, „dem Preis“ des Arbeitslohnes – sie ist die einzige Quelle des Mehrwerts. Dabei hat er die Rolle des Kapitals wohl deutlich unterschätzt. Wenn man heute sieht (wer kennt nicht Bilder aus der Zeit um 1900 beispielsweise von AEG, wo in einer Halle Hunderte von Menschen arbeiten?) mit wie wenig Menschen wie viel Umsatz erwirtschaftet wird, muss diese Rolle(n) mittlerweile fast schon vertauscht ansehen. Kapital braucht es auch für die nötigen Mittel (und damit verbundenen Risiken), zur Erforschung und Entwicklung neuer Materialien, Prozesse und Produkte wie auch, nicht zu unterschätzen, deren Vermarktung. Es braucht also immer weniger dort, wo wirklich Geld verdient wird.
Dass Daten – wohl das unstofflichste Wirtschaftsgut überhaupt – einmal einen fast unbezahlbaren Wert haben können, hat sicherlich auch lange kaum jemand geahnt. Vor den Daten war es die Information, die man nutzbringend verwenden konnte, so beim verbotenen Insiderhandel von Aktien. Auch konnte man vor 30 Jahren beispielsweise schon Adressen, selektiert nach Berufen, Einkommen und Regionen, zum einmaligen Gebrauch (!) für Mailings kaufen. Viel herauslesen konnte man daraus noch nicht. Bei den Daten („Big Data“) im heutigen Sinn ist das bemerkenswerte ja, dass sie sowohl im spezifischen (was kauft eine Person) als auch im Generellen (was kauft eine bestimmt Gruppe) von hohem Nutzen sein können – dies allerdings erst, seit sie so lückenlos und in solchen Massen verfügbar sind (oder vielmehr „genommen“, erfasst, gespeichert … werden) und, das ist der Schlüssel, über unvorstellbare Rechenleistungen auswertbar sind, kombinierbar, vergleichbar … damit früher oder später prospektive Aussagen treffen, also antizipierend werden können. Was künstliche Intelligenz angeht, so greifen alle diese Aspekte unmittelbar hinein: sie braucht Daten, sie braucht (unvorstellbare) Rechenleistung – und bis es überhaupt so weit kommt, immense Investitionen. Die nur deshalb möglich sind, da die zu erwartenden Gewinne ebenso gewaltig erscheinen. Wenn man in diese Richtung denkt, kann vom Motiv, der Motivation und dem Bedarf an Vorleistung (Investition) auf den zu erwartenden Gewinn durchaus geschlossen werden.
Jetzt sind Innovationen und Investitionen natürlich nicht per se ein Verbrechen – ganz im Gegenteil häufig sogar als Segen für die Menschen propagiert und oft auch durchaus dienlich. Doch weiß man, praktisch jede Entwicklung (und sei sie vielleicht zuerst auch noch so idealistisch gedacht) hat eben diesen essentiellen, substanziellen ökonomischen Antrieb. Wie man es bei den digital-virtuellen Sphären mittlerweile kennt, profitieren davon meist nur Wenige – die aber umso mehr. Die sieben wertvollsten Konzerne der Welt sind, genau, Tech-Unternehmen (auch wenn eines davon eigentlich „nur“ ein großes, sehr großes Versand-Warenhaus ist). Auch das muss nichts Schlimmes sein, etwas blauäugig aber könnte die gemeinhin gültige Überzeugung sein, dass der Fortschritt letztlich immer allen zugutekommt.
HAMSTERRAD ODER AUSRANGIERT?
In dem Kontext ist diese historische Utopie eine Art Dauerbrenner: die Technik möge uns von aller Mühsal befreien, für uns die (zumindest grobe, unlustige) Arbeit machen und uns Muße schenken ohne Ende. Doch trotz aller modernsten Maschinen und Geräte, Automatisierung und Digitalisierung … tausend und einer „Lebenserleichterung“ von der Spülmaschine über das Auto, bis zum PC und dem Internet … man hat mindestens gefühlt nicht wirklich mehr freie, verfügbare Zeit (die quality time;-) Ganz im Gegenteil scheint es, als würde sich das sprichwörtliche Hamsterrad immer schneller drehen: Ein Kopf, dem Monster abgeschlagen – und drei wachsen nach. Es scheint also etwas schief zu laufen mit all den Innovationen. Das wäre jetzt der Blick auf das eher Private gewesen. Wenn sich parallel die Arbeitszeit nicht (oder nur unwesentlich) reduziert, die Gewinne von Unternehmen aber stetig, mitunter sogar gewaltig steigen – ist da ein arger Schelm (oder Miesepeter), der einen Zusammenhang vermutet? Nochmals zur Frage „cui bono?“ zurück, die natürlich differenzierter zu sehen ist. Und eigentlich sogar fast notwendig zu erweitern: nicht nur, wem nützt der große Themenkomplex „KI“, sondern auch, wem schadet er.
Ein (realistischer) Nutzen auf Anwenderseite kann sein, dass der Einsatz von „KI“ schlicht und einfach Zeit spart. Woanders, im unternehmerischen Kontext, wiederum kann diese gesparte Zeit auch unmittelbar Geld (ergo Gewinn) bedeuten, wenn eine Leistung da- durch schneller erbracht, Fehler vermieden, Personal eingespart werden kann usw. – allerdings, vermutlich, nur solange, bis auch die Preise sich wieder „verändern“. Weil wohl andere Anbieter dies auch nutzen und womöglich einen Teil des ökonomischen Vorteils abgeben an die Kunden und so wiederum eine bessere Marktposition erreichen. Auch gibt es die Konstellation, dass man zwar durch eine bestimmte Technik keinen Wettbewerbsvorteil (mehr) hat, aber einen Nachteil, wenn man sie nicht hat. Quasi Nutzen ex negativo.
Und dann gibt es natürlich noch den direkten, vermutlich größten Nutzen bei denen, die eine solche Technik entwickeln. Wozu es (neben den von der Gemeinschaft finanzierten Hochschulen etc.) in der Regel eben sehr viel Kapital braucht – erst recht, da sich der Nutzen womöglich erst nach längerer Zeit einstellt. Den langen Atem muss man erst einmal haben. Nicht zuletzt deshalb greift die anfangs zitierte „Arbeitswerttheorie“, von Marx – man mag es ihm im 19. Jahrhundert nachsehen – nicht mehr so recht. Oder aber, alle Programmierer werden einfach viel zu schlecht bezahlt;-)
UTOPIEN AUS DER MODE
Heute, im Post-Modernismus, sind uns im Grunde ja sogar die Utopien ausgegangen – von selbstfahrenden Autos und Robotern, die für uns arbeiten, oder Computern, die für uns denken … darüber fantasierte man vor hundert Jahren auch schon. Nein, Utopien haben es mittlerweile schwer und finden sich eigentlich nur noch bei Wenigen, meist den überpräsenten „Superreichen“, wo sie dann oft recht merkwürdige, eher beängstigende post-humanistische Züge tragen. Finanziert von High-Tech – und auf dem Rücken vieler (die Daten einpflegen, Pakete packen und ausfahren …) träumen sie davon, auf andere Planeten umzusiedeln, wenn es hier allzu ungemütlich wird. Dabei wäre es vermutlich sinnvoller, diese Energie in die weitere Bewohnbarkeit unserer Erde zu investieren.
DIE „MITTLERE TECHNOLOGIE“
Vielleicht stellt sich am Ende ja heraus (wann immer das sein mag und wer dann da etwas festzustellen hat;-), dass ein Gedanke, wie ihn der Wachstumskritiker Niko Paech für zentral hält, auch für den ganzen Bereich des Digitalen zutrifft: Er nämlich sieht in der „mittleren Technologie“ den größten Sinn und Nutzen. Also nicht alles, was technisch machbar ist, zu nutzen, sondern das, was ökonomisch, sozial und ökologisch sinnvoll und tragfähig ist – also in der wirklichen Wortbedeutung nachhaltig – sollte genutzt und eingesetzt werden. Denn, wider der unerfüllten Ur-Utopie, würde tatsächlich alles von Maschinen, Robotern, einer Art „Smart World“ erledigt, dürfte sich der Mensch doch recht nutz- und wertlos fühlen. Nicht gebraucht, zu nichts nutze – alles kann irgendeine Maschine besser, ein Computer schneller und präziser … man könnte aber auch Technologie dort und in einem Maß nutzen, wo sie dem Menschen wirklich hilft. Das ergäbe dann eine wertschöpfende und wertschätzende Tätigkeit, unterstützt durch Technik. Emissionen und Energieverbrauch würden sinken, das Verständnis für Zusammenhänge wie auch der Zusammenhalt wachsen, und ebenso die Qualität. Nur ist das, zugegebenermaßen, in einem globalisierten Kapitalismus, wo alles und alle mit allen weltweit im Wettbewerb stehen, bestenfalls als romantisch zu bewerten. Zumindest bisher – noch.
AUS DEM OFF – WOHIN?
Die Omnipräsenz der künstlichen Intelligenz – so fast auf einen Schlag – überraschte jedenfalls nicht Wenige. Miriam Meckel und Léa Steinacker nennen den 30. November 2022 deshalb den „Iphone-Moment der KI“, als Open AI ChatGPT auf den Markt brachte. Hier war die „KI“ eben nicht unsichtbar eingebunden, beiläufig … nein, sie war der Kern des Ganzen und bot erstmals für praktisch jeden die Möglichkeit, selbst damit zu interagieren. Weniger ein Bedarf hat sie entstehen lassen, als vielmehr die technische Machbarkeit – die sich jetzt ihre Anwendung, ihre Anwenderinnen und ihre Anwender sucht. „KI“ ist im Grunde selbst so etwas wie die logische Folge in einer langen Reihe von Entwicklungen, die sich jenseits ihrer Konsequenzen ihren Weg bahnt. Rein in unser Leben.