a2006

sweets for my sweet – süsse illusion | beginnen wir mit ein paar floskeln. die politik sagt gerne, auch wenn sie meist etwas anderes tut: unsere kinder sind die zukunft. was das thema gesundheit angeht, behaupten viele: man ist, was man isst. da ist zumindest sicherlich einiges dran. merkwürdig dann allerdings, was man gerade unseren kindern in den supermärkten so alles anbietet.

in der süddeutschen zeitung (online) gab es kürzlich ein spezial »die zuckerkönige« mit den »top ten der süßesten milchprodukte«. foodwatch rief dazu auf, rund 100 vorschläge mit nennungen kamen. platz 10 nahm darin der »monte drink« von zott ein, mit 12,7% zucker. ich war entsetzt, sah beim ersten oberflächlichen hinsehen allerdings gar nicht, dass dies der letzte platz dort war, nicht der erste! rang 1 mit einem zuckeranteil von 39,7% (!) hatte der »kinder choco fresh« von ferrero. wahnsinn, unglaublich – unverantwortlich. und sogar viermal mehr gesüßt als coca cola. auch die weithin bekannte »kindermilchschnitte« kommt auf fast 30% zuckergehalt. auf den seiten des herstellers nonchalent beschrieben mit »schmeckt leicht und belastet nicht«.

billige zutaten schaffen werbebudgets

zucker freilich ist eine billige und effektvolle zutat. und eine wirkungsvolle – jedoch in mehrerlei hinsicht. die herstellungskosten dieser wahrlich eher als süßigkeiten denn als lebensmittel zu beschreibender produkte dürften minimal sein. diese margen wiederum schaffen die grundlage zu gewaltigen werbebudgets. damit ist eine marktdurchdringung und präsenz möglich, der man sich bzw. seine kinder kaum entziehen kann. ich, wir, sind zugegebenermaßen eher ökologisch orientiert, haben seit vielen jahren keinen fernseher mehr. unsere zwerge (2 und 5) schauen wenn dann dvds. sind wir allerdings im hotel, landen wir auf der suche nach einem kinderprogramm durchaus auch auf sendern wie super rtl. unglaublich, in welchem stakkato dort die spielsachen und süßigkeiten über die kleinen hereinbrechen – und wie schnell und lange sie sich das dann alles merken. am nächsten kühlregal bekommt man die quittung. denn natürlich ist das meiste genau für die empfindungen, vorstellungen und wünsche der kinder gestaltet (bzw. so, dass eltern denken, sie machen das richtige). was bei der namensgebung (»monster-backe«) schon beginnt. da sieht ein früchteriegel aus dem bioladen zwangsläufig alt aus.

psychologie und werbemacht gegen zwerge

die frage dazu ist letztlich eine moralische: darf man diese mittel auch bei kindern so gnadenlos gezielt einsetzen? kinder sind unbeschriebene blätter, offene türen – muss man sie dermaßen einrennen? der rendite wegen. klar, verbieten kann man es kaum (andererseits wurde auch für zigaretten ein verbot durchgesetzt); stellt sich also mindestens die frage, ob man es auch »soll«? gestalter führen hier wohl »nur« aus, was sich marketingstrategen und psychologen/pädagogen ausdenken. grundsätzlich mag es sicher richtig sein, wenn der staat sich aus der ökonomie heraushält, in manchen bereichen ist der »offene wettbewerb« mit shareholder-value allerdings kein wirklicher segen. und je größer die produzierten stückzahlen, desto niedriger die kosten – vergrößern sich die gewinne und damit die mittel zur weiteren verkaufsförderung. dies geht aber nur bei industriellen, homogenen und praktisch endlos verfügbaren rohstoffen. um nochmals den »echten« früchteriegel zu bemühen: hier ist es konträr – mangos und ananas werden nicht mit dem erhöhten bedarf immer billiger; ganz im gegenteil, man bekommt sie vielleicht gar nicht mehr in dieser menge und qualität.

und die verluste werden sozialisiert

ein nicht zu unterschätzender volkswirtschaftlicher aspekt kommt noch hinzu. es ist vielleicht auch nur eine floskel, allerdings eine mit viel bitterer wahrheit. das hat nicht zuletzt wieder die finanz- und weltwirtschaftskrise gezeigt: »gewinne werden privatisiert, verluste sozialisiert«. das ist auch hier der fall. denn die folgekosten dieser lebensmittel sind nicht zu unterschätzen. von den zähnen bis zum übergewicht, das gerade bei kindern seit jahren immer stärker zunimmt. vom übermäßigen verzehr von früchteriegeln kommt das sicher nicht. deshalb ist eben gerade die mehrfache ungleichheit in den möglichkeiten so traurig – es ist beispielsweise ferrero ja nicht zu verbieten, solche produkte herzustellen und zu verkaufen. nur sollte hier zumindest der zwang zur offenlegung der inhalte (klar und gut sichtbar) durchgesetzt werden. eben »enthält ca. 40% zucker« müsste vorne drauf stehen.

schade übrigens auch, die andere seite betrachtend, dass viele naturprodukte-hersteller die möglichkeiten von guter gestaltung nicht nutzen. es ist eher die ausnahme, dass die verpackung hier lust macht – »trotz« und wegen der besseren inhalte. auch wenn solche anbieter niemals die werblichen potenziale haben werden, könnte vielleicht etwas mehr kaufanreiz und »visuelle konkurrenzfähigkeit« geschaffen werden. gute gestalter könnten hier sicherlich etwas bewirken!


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