2006

komische komik | ich glaube, es war beim elterngespräch im kindergarten, als ich mir spätestens vornahm, über dieses thema zu schreiben. oder vielmehr mich diesem nicht recht definierten über das schreiben zu nähern. jedenfalls boten mir die beiden freundlichen erzieherinnen nach der begrüßung einen platz an – auf der kindersitzecke. kurz gezögert, ob dies auch tatsächlich ernst sei, saß ich auf dem kleinen stuhl. und dachte, wohl unvermeidlich, an karl valentins »erbschaft«. diesen film, bei dem er die mitteilung von einer erbschaft bekam, die eben aus einer wohnungseinrichtung bestünde. er warf kurzerhand alle seine alten möbel aus dem fenster und fuhr erwartungsvoll zum abholen seiner neuen ausstattung. allerdings wusste er nicht, dass dieser ihm nicht bekannte onkel ein liliputaner war. so kam er zu einer wenig dienlichen miniatur-einrichtung. auf der saß ich gewissermaßen hier, war in gedanken noch beim besuch der ausstellung »karl valentin, kunst und komik nach 1948« am tag zuvor. die besuchte ich mit den beiden mitarbeitern aus unserem münchner büro und bettina schulz, die chefredakteurin der »novum«. wir hatten uns mit dem direktor, unserem freund wolfgang till vereinbart und nahmen an seiner und michael glasmeiers (sie beide hatten die idee und kuration) führung teil. eine sehr erhellende, denn für flüchtig lesende konnte bereits der titel erst einmal auch für eine enttäuschung (der tatsächlich die täuschung voranging), aber zumindest für verwirrung sorgen. so aber lernten wir wunderbare arbeiten kennen, mit all ihren hintergründen und ihrem »komischen sinn«.

zu sehen waren praktisch keine werke des münchner komikers, volkssängers und philosophen, sondern solche von künstlern, die sich auf ihn bezogen, mit ihm in verbindung standen, ihn als essentiell für ihr schaffen sahen. dies war nach zwei arbeiten von timm ulrich als erstes die grüne, arg heruntergekommene kommode einer unaussprechlichen (und schon gar nicht zu merkenden) finnischen künstlerin. und damit kommen wir langsam dazu, weshalb ich dies hier schreibe. es sind nämlich (zusätzlich dann noch bei der zweiten führung mit wolfgang till) eine reihe von gedanken entstanden, nicht in direkter beziehung, aber durchaus mit einer gewissen analogie und einem ähnlichen gefühl verbunden, wie sie in manchen gesprächen auch in zürich mit dem freund und philosophen clemens bellut entstanden. gespräche, die mir bis heute eben sehr wichtig und wertvoll sind. doch zuerst zur komik, zur kunst.

diese ramponierte kommode hatte jene finnin auf der straße, im sperrmüll gefunden. mit großem aufwand hat sie diese wieder bestens hergerichtet, restauriert – sie war wieder wie neu. und dann hat sie versucht, mit wohl nicht weniger mühe, diese in den ursprungszustand, also dem des auffindens, wieder zurückzuversetzen. die farbe, die macken, die abnutzungen, die schäden – alles. hatte sie dies erreicht, ging das ganze wieder von vorne los. dokumentiert mit videoaufnahmen drängt sie einem den vergleich mit sisyphos natürlich geradezu auf. all die vergeblichkeit, die nie vollendete arbeit, das scheitern kurz vor dem ziel, der wandel, die wiederholung. auch wenn sie von keinem gott dazu gezwungen wurde und der kurze reflex des »warum« aufleuchtet, eine wunderbare arbeit. das absurde, mit so viel arbeit und nie zu ende. was zu einem weiteren ausgestellten exponat führt, einem ähnlichen, zugleich aber auch anderen gedanken ausführend und anregend. zu sehen ist nicht viel, eine große glasvitrine, darin auf dem boden, etwas erhöht, eine wellig mit blauem samt ausgelegte fläche, darauf ein eisstil. dieses kleine unscheinbare und vor allem wertlose holz; ein millionenfach identisches, einfachstes industrieprodukt. man würde es eigentlich kaum beachten – und viel versäumen. neben dieser vitrine steht ein fernseher, dort läuft ein video mit der dokumentation. die handlung in kürze: ein künstler findet in einer einkaufsstraße diesen eisstiel, möchte ihn in dem schaufenster daneben ausstellen. dazu aber versucht er den kompliziertest möglichen weg, dieses wenige zentimeter lange, vielleicht zwei millimeter starke holz dort hineinzubringen. er lässt deshalb die schaufensterfront abmontieren. dann legt er, direkt, von vorne, den holzstil hinein – und die fassade wieder mit kran und großem aufwand wieder anbringen. absurd, freilich.

aber auch wunderbar. und das in unserer »effizienzgesellschaft« unserer hardcore-ökonomie. wo dinge um die ganze welt transportiert werden, weil sie woanders billiger gefertigt werden können. wo arbeitsabläufe von spezialisten »optimiert« (ein weiterer, in unserer zeit wichtiger und viel gebrauchter terminus) werden, damit sie sekunden einsparen – denn diese geben addiert über die zeit ersparnisse von vielen stunden, vielleicht tagen. effektiver muss alles werden, schneller, am besten praktisch von selbst. zwar entstehen neben den hochgeschwindigkeitsfabriken auch wieder manufakturen, versuchen den wert der handarbeit, der sich nicht über metrische werte definieren, vielmehr aber erfühlen lässt, zu reanimieren, zu erhalten, doch die sind quantitativ nur marginal. auch pflanzen, durchaus auch tiere sind dieser logik nicht ausgenommen. alles soll schneller wachsen, weniger licht und wasser oder futter brauchen – monsanto macht es vor und arbeitet zumindest für sich selbst erfolgreich. sehr erfolgreich. irgendwann gibt es dann wieder einmal einen skandal, durch eine massenseuche oder krankheit ausgelöst, man kommt dann darauf, dass es vielleicht nicht so ganz im sinne der natur ist, wenn geflügel sich selbst als geflügelmehl ernährt oder wer weiß, was wem alles verfüttert wird, ist entrüstet, isst kurz etwas anderes und bald schon ist es wieder vergessen – womöglich hat eine andere katastrophe das medienecho bereits auf sich gezogen.

es geht hier erst einmal gar nicht um moral, nur darum, dass diese »effizienz« anscheinend, zumindest behauptet kaum jemand das gegenteil, per se auch als das natürliche, naheliegende, im grunde einzig vernünftige gesehen wird. ein naturgesetz also, egal ob es sich auch gegen diese wendet. und dies, genau dies karikieren diese zwei zuvor beschriebenen arbeiten nicht nur, sie stellen es auf den kopf – und irgendwie auch die frage: stimmt das? muss es so sein, ist nur das »vernünftig«? dabei denke ich an eine geschichte, die uns zuvor genannter philosoph erzählte; er dachte als kind, wenn sich im wind die blätter der bäume bewegten, werde der wind eben durch diese bewegung der blätter erst erzeugt. auch wenn es nicht so ist: könnte nicht vielleicht manches ganz anders sein?
interessant ist dabei deshalb ein blick zurück, in die situation des französischen adels im 16. und 17. jahrhundert. dazu gibt es eine hochinteressante studie von norbert elias mit dem titel »die höfische gesellschaft«. diese zeigt uns einmal mehr, dass auch vernunft und verstand, selbst scheinbare unumstößliche logik, durchaus relativ und wandelbar sind. bei uns gilt der ökonomische grundsatz: man muss mehr verdienen, als man ausgibt. das wird niemand in frage stellen, scheint elementar. zu besagter zeit aber galt ein anderer grundsatz: der »repräsentationsbedarf« bestimmt die ausgaben; denn nur so ist es auch (fast immer! aber auch heute gehen trotz »vernünftigem« verhalten unternehmen in konkurs) möglich, wieder die möglichkeit zu bekommen, seine ausgaben zu decken, machte das alles eben erst sinn. im zweifel aber auch im angesicht der insolvenz – denn die war kaum weniger erschreckend, als das sparen bei der repräsentation. dass unsere wirtschaftsweise so vernünftig nicht ist, hat nicht erst die weltweite krise eben gezeigt. spekulationsblasen, finanzprodukte, die selbst banker nicht mehr verstanden, sind auf diesen unseren ökonomischen maximen entstanden. die praktisch kostenlos möglichen (potentiellen oder faktischen) umweltschäden der »realwirtschaft« sind im übrigen auch nicht viel besser oder gar »vernünftiger«. den ast abzusägen, auf dem man selbst sitzt, ist durchaus nicht neu – wird aber immer noch gerne praktiziert. ganz im sinne von gerhard polt, der in einem stück »die anni« sagen lässt: letztes jahr haben wir eine weltreise gemacht, aber eins sag’ ich ihnen gleich: da fahr’n wir nimmer hin!

das ist womöglich vielleicht noch viel existenzieller und elementarer als ich jemals gedacht hatte. nicht nur das (tragik-)komische allgemein, das wohl überall dort, bei solchen »komikern« steckt; und der witz schnell flach würde, wenn er keine tiefe hätte. womöglich verbirgt sich gerade da ein (wirkliches und durchaus konkretes …) potenzial zur lösung von problemen. elektro-autos – aber der strom.

eben nicht nur durch eine weiterentwicklung und interpolation von bestehendem, sondern durch regelrechte »sprünge«. so wie es die technik eben bis heute nicht geschafft hat, mit einer besseren technik die probleme und folgen der »alten« zu beheben, zu überwinden. alle bisher bereits entwickelten, angewandten und genutzten einsparpotenziale haben (mit ausnahme von temporären extremsituationen wie einer weltwirtschaftskrise) noch nicht einmal das jeweilige wachstum kompensiert. und interessant ja auch, dass gerade während dieser finanz- und wirtschaftskrise weder von den linken (außer ein paar allgemeinplätzen) oder initiativen wie attack so gar nichts zu hören war. und schon gar nichts konkretes, keine gegenmodelle.

vielleicht bedarf es deshalb ganz neuer ansätze – mit der kraft des absurden. die »innovation«, das allheilmittel scheint es jedenfalls nicht zu schaffen. das lieblingswort der industrie, eine floskel, ein selbstzweck, und wie uwe pörksen sagt, geradezu der inbegriff eines »plastikwortes«. marianne gronemeyer geht in ihrem buch »immer wieder neu oder ewig das gleiche« dem »innovationsfieber« nach, schreibt schon in der einleitung: »unter dem imperativ der innovation werden gegenwartskrisen niemals aus begangenen irrtümern oder aus fehlentwicklungen oder fehlentscheidungen erklärt. […] krisen sind in dieser lesart immer und ausschließlich resultat eines novitätsmankos.« nur sind die »innovationen« selten etwas wirklich neues, ganz am rande bemerkt, meistens lediglich »weiterentwicklungen« (von eben bestehendem), denen in der marketingabteilung (vermeintlich) schillernde etiketten verpasst werden. ich kann es nicht lassen, auch noch robert musil aus einen niedergeschriebenen vortrag von 1937 zu zitieren: »wenn die dummheit nicht dem fortschritt, dem talent, der hoffnung oder der verbesserung zum verwechseln ähnlich sähe, würde niemand dumm sein wollen«.

insofern wäre vielleicht die wirkliche reflexion und eine absolute offenheit für tatsächlich neues womöglich ein weg zu besseren, zu echten lösungen. ein plädoyer also an dieser stelle für das absurde, das komische, das aberwitzige, das verrückte, und zwar dort, wo man es gemeinhin gerade bekämpft.

mein kleiner sohn luca fragte mich eines morgens: papa, ist heute morgen? ich musste lachen und nachdenken, sagte von gestern aus gesehen, ja! und vielleicht ist ja alles ganz anders! zumindest könnte ja auch alles ganz anders sein, oder?


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